Elsas Nacht(b)revier

Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute
sehr wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen. [Douglas Adams]

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Mittwoch (I)

Ich hatte mich von einem zutiefst besorgten Zeno vor der Questura verabschiedet. Giulia traf ich unterhalb der Stadtmauern. Wir fuhren ein Stück Richtung Meer, dann eine Anhöhe hinauf und oben auf dem Kamm weiter. Die Straße wurde immer schlechter. Giulia bog mal nach rechts, dann nach links ab, ich immer hinterher. Als sie endlich vor einem Wäldchen anhielt, hatte ich komplett die Orientierung verloren.
„Den Rest müssen wir laufen, Biancas Zufahrt ist eine Katastrophe. Lorenzo liegt ihr schon seit zwei Jahren in den Ohren, sie müsse endlich neu schottern lassen, aber sie sagt, wer zu ihr will, soll halt zu Fuß gehen.“ Giulia zuckte die Achseln.
Hinter einer dichten Reihe von Zypressen öffnete sich eine Lichtung und gab den Blick frei auf einen gedrungenen Turm mit Fischschwanz-Zinnen, von dessen Fassade der ockergelbe Putz abblätterte. Ich hatte zwar nicht gerade mit einem Pultdachbau und Alufenstern aus den Siebzigern gerechnet, mit einem Wohnturm aus dem 15. Jahrhundert allerdings auch nicht.
Eine knochige Gestalt in blauen Arbeiterlatzhosen und Strohhut kam auf uns zu, wenn Giulia nicht die Arme ausgebreitet hätte, hätte ich sie wahrscheinlich für den Gärtner gehalten. Anna-Bianca Donatella Farnese umarmte ihre Nichte und schüttelte mir kräftig die Hand. Lange graue Locken quollen unter ihrem eingerissenen Hut hervor, ihre Augen waren von demselben intensiven Grün wie die von Giulia, um die Nase herum ähnelte sie aber eher Lorenzo. Während sein Teint eher blass und durchscheinend war, besaß ihr Gesicht eine fast nussbraune Tönung.
„Das ist perfekt, dass ihr gerade jetzt kommt, ich bin soeben fertig geworden. Und ich muss sofort eure Meinung dazu hören! Kommt mit!“ Wir eilten hinter ihr her um den Turm herum, Giulia warf mir unentwegt beredte Blicke zu. Schließlich standen wir vor einem drei Meter hohen Haufen Altmetall nebst Schweißgerät. Tante Bianca lief, eine Falte über der Nase, zwei Mal um den Schrotthaufen herum und verkündete:
„Es heißt concept one with oshi!“
Über uns zwitscherten die Amseln.
„Ich könnte mir gar keinen anderen Titel dafür vorstellen!“, rief ich, vielleicht eine Spur zu enthusiastisch, aus.
„Ich frage mich jedesmal, wie du auf diese schrägen Titel für deine Metallskulpturen kommst, channelst du sie etwa?“, ätzte Giulia neben mir.
„Ach woher denn! Ich gebe irgendein Wort, das mir gefällt bei Google ein und schaue, was dabei auftaucht“, lachte sie. „Das heißt, wenn Tiscali.it mich lässt!“, fügte sie hinzu und ignorierte dabei meinen durchdringenden Blick. Ich schlug die Augen nieder. In ganz Italien gab es wahrscheinlich zigtausend von tiscali.it-Zugängen mit der dazugehörigen Mailbox.
„Ich habe Gottseidank Alice Dsl bekommen, das ging ganz fix und ist sehr schnell und unkompliziert“, plauderte ich drauflos. Sie schaute an mir herunter.
„Ist Ihnen nicht zu warm in Ihrem Rollkragenpullover? Wir haben bestimmt über 20 Grad heute!“
„Es war ziemlich frisch, als ich losgefahren bin“, entgegnete ich harmlos. Tante Bianca kniff die Augen zusammen.
„Nun, wie auch immer, gegen Abend wird es wohl kühler, da bewährt er sich ganz sicher noch. Gehen wir rein, ich habe Eistee gemacht!“ Die beiden gingen voraus und ich stakste mit wackligen Knien hinterher.

<[36]

>[38]
Elisabeth (anonym) - 22. Feb, 13:40

Kein Problem!

Gab sowieso gestern und hük einige technische Schwierigkeiten bei dem twoday.net he.

Dein Kommentarteil war zeitweise ohne Farbe und hük Nacht gabs Serverprobleme.

Scheint als wär twoday.net am Technisch-Basteln!

Gruss,
Elisabeth

joern (anonym) - 22. Feb, 14:23

Was für ein Wort!

:) Fischschwanzzinnen :) Liest sich etwas stolprig, ist aber schlichtweg _herrlich_. Und völlig neu für Google und Yahoo, aber wem sage ich das.

Ob Du dieses Wort wohl schon eine Weile in einem Schatzkästlein mit Dir herumgetragen hast?

ElsaLaska - 22. Feb, 14:30

Komisch ...

ich dachte, das wär die korrekte Bezeichnung für diese geteilten und gebogenen Zinnen ...
Wo hab ich das bloß her?
Jedenfalls mach ich halt einen Bindestrich rein :)
joern (anonym) - 22. Feb, 15:06

Grmpf ...

da ärgere ich mich ja fast, das ich den Mund nicht halten konnte. So liest es sich natürlich flüssiger, aber sch-sch und z-z, da muß man erst mal ein Wort finden, bei dem trotzdem noch jeder sofort ein Bild vor Augen hat. Ich hätt auch geglaubt, dass es eine gültige Bezeichnung ist: denn wie, bitteschön, sollten die Dinger denn sonst heißen? Eben unter 'Zinne' einen Blick in wikipedia.de geworfen: kannst mal vergleichen, ob die Zinnen der Standmauer Belinzonas Deinen Intentionen entsprechen, dann sind es vielleicht 'Schwalbenschwanzzinnen'. Ich find 'Fischschwanzzinnen' aber trotzdem schöner, obgleich, falls auch Dir solche geteilten Zinnen vorschwebten, so geteilt sind Fischschwänze ja nun beileibe nicht immer...
joern (anonym) - 22. Feb, 15:10

d a s s

d a s s ich den Mund nicht halten konnte, natürlich. Wo hab ich nur meinen Kopf? Und das verzerrt anzugebende Wort lautet passend: 'fister'. Sehr finster. Überhaupt schmecken diese Anti-Spam-Worte zuweilen sehr nach einer beängstigenden Portion Hellsichtigkeit.
ElsaLaska - 22. Feb, 15:12

Der Lesefluss geht immer vor :)

Aber ich denke, ich lasse Fischschwanz, wenn du gleich das Bild vor Augen hattest. Es ist auch so schön dunkel gefärbt, Schwalbenschwanz, da denkt man gleich an Luft und Leichtigkeit. Ne, das Ding ist schon ein Bollwerk.
ElsaLaska - 22. Feb, 15:14

Mach dir nix draus,

ich schreibe seit neuestem alles wieder beharrlich mit ß, anstatt mit ss :( ohne dass es mir selbst auffällt.
joern (anonym) - 22. Feb, 15:22

Standmauer...

also nönö, ich geb es auf, mich selbst zu korrigieren, sonst finde ich noch mehr solch groben Unfugs.

Jetzt bin ich aber gespannt, wie es bei Bianca drinnen aussieht.

btw.: verzerrt angezeigtes Wort: 'noiers'. No ears? Abgehackt, oder ist es drinnen totenstill, oder was?

Erst vertippt, nun: 'dases' - nein, nochmal vertippe ich mich nicht, das( is)ses jetzt...
Elisabeth (anonym) - 22. Feb, 15:35

Dachzinnen das Wort gibts!

Dachzinnenm Betonzinnen das gibt es. Vielleicht findet Elsa eine Abbildung bei google.it von einem ital. Gebäude.

Fand nur so Dachrandtreppen als Abbildung.

War auch der Meinung das das Wort Fischschwanz-Zinnen ein Fachwort sei, auch wenn ich mir darunter ehrlich gesagt nichts drunter vorstellen kann.

Elisabeth (anonym) - 22. Feb, 15:48

Zinnen= Sätze

Bei der Eingabe des Begriffes Zinnen, gibts auch NL-Antworten und zwar recht ausführlich.

Hab daher in einem nl-dt Wörterbuch nachgeschaut auch via Google, und das Ergebnis lautete Zinnen= Sätze!

Nederlands hast neda net gerade spoken?

Gruss,
Elisabeth

joern (anonym) - 22. Feb, 16:03

Ganz von Zinnen ...

Da die Zinnen meines dusseligen Einwurfs nun eh immer noch ein Thema sind: sie sollen für Oberitalien charakteristisch sein, diese Dinger mit der Kerbe, und man nennt sie angeblich auch "Ghibellinenzinnen" - was zeigt, Elsas Wahl der Zinnenform, naturalmente, war perfekt: denn die Ghibellinen waren des Kaisers und weder mit noch ohne Nichten (scusa) des Papstes. So, jetzt halt ich aber die Klappe. Und wann dürfen wir endlich rein in den Wohnturm?

ElsaLaska - 22. Feb, 16:26

Ihr macht mich noch völlig wahnsinnig

mit diesen Zinnen :)
Es gibt sie auch in Mittelitalien, ob pro oder contra Papst, wobei ich glaube, dass Zia Bianca zum Papst eigentlich ein ganz gutes Verhältnis pflegt, so von spiritueller Meisterin zu spirituellem Meister. Angekotzt ist sie ja nur von ihrem Bruder.
Eh basta così!
:)
Wir gehen jetzt einfach REIN.
ElsaLaska - 22. Feb, 16:52

Turmzinnen,

keine Dachzinnen. Turmzinnen, bitte.

Zinn-Zinn!

Elisabeth (anonym) - 22. Feb, 18:07

Gibt sogar Turmzinnenmärchen!

Gedanken für den 30.09

Phantasie der Liebe

Es war einmal ein hoher Beamter bei seinem König in Ungnade gefallen. Der Herrscher ließ den Beamten zur Strafe im obersten Stock eines hohen Turmes einkerkern. In einer mondhellen Nacht schaute der Gefangene sehnsüchtig aus seinem Gefängnis hinab in den Hof. Dort unten in der schwindelnden Tiefe entdeckte er seine Frau. Sie machte ihm ein Zeichen und berührte die Mauer des Turmes. Voller Erwartung blickte der Mann herunter, gespannt, was seine Frau vorhabe. Ihre leisen Rufe konnte er nicht verstehen. - Aber sie hatte einen Plan. An einem Käfer, dessen Fühler sie mit Honig bestrichen hatte, befestigte sie einen winzigen Seidenfaden. Dann setzte sie das Tier - mit den Fühlern nach oben - an die Turmmauer, gerade unterhalb der Stelle des Turmes, wo sie hoch oben ihren Mann hinter den Gittern sah. Der Käfer krabbelte langsam - immer dem Honig folgend - höher hinauf, bis er schließlich bei dem Gefangenen ankam. Der sah den dünnen Seidenfaden, löste ihn vorsichtig vom Insekt und zog ihn langsam nach oben. Am seidenen Faden hing schließlich ein Zwirnsfaden, am Zwirnsfaden dann eine dicke Schnur, an der Schnur letztendlich ein kräftiges Seil. Er befestigte das Seil an einer der Turmzinnen, zwängte sich durch das Fenstergitter hinaus und ließ sich am Seil hinab. Er war frei. Glücklich schloss er seine Frau in die Arme, und leise verschwanden sie in der Nacht.

(Nach einem indischen Märchen)

Manchmal hängt das Leben an einem seidenen Faden. Aber die Phantasie der Liebe kann daraus ein dickes Seil der Erlösung und Befreiung machen.

„Wandelt in der Liebe, gleichwie Christus euch hat geliebt!"

(Epheser 5,2)


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Aus Axel Kühner: Überlebensgeschichten für jeden Tag,
14. Auflage, © Aussaat-Verlag, D-Neukirchen-Vluyn.
ISBN: 3-7615-1612-6



Gruss,
Elisabeth

Wieso machen wir dich denn doof, mit den Zinnen?
Elisabeth (anonym) - 22. Feb, 18:29

Zinnen die Nächsten

http://www.beyars.com/
gibts nen sehr schönes Kunstlexikon, worin auch noch der sog. Zinnenfries zu finden war.

Hab dich doch gleich in meinem delicious geparkt.


Also immerhin weis ich jetzt das die Ghibellinen ne politische Partei waren, also hat sich die Zinnen Expedition doch sehr gelohnt. So viele Erfolgserlebnisse hat kein Lehrer in Deutschland in so kurzer Zeit wie du Elsa, also kein Grund oder Anlass in irgendwelche jecken Gemütszustände zu verfallen, oder auch nur in deren Nähe zu kommen.


Gruss,
Elisabeth
zuckerwattewolkenmond - 22. Feb, 18:37

Es war einmal ein König,
der schlief des nachts nur wenig,
denn er zählte alle Sterne
und er hätte so gerne
nur für sich allein besessen,
sie am liebsten aufgefressen.
Er wurde ganz von Sinnen
und fiel von seiner Zinnen
in einen tiefen Teich
ein Goldfisch frass ihn gleich,
ein Goldfisch frass ihn gleich.

(Von der Geschichtenlieder-Platte)

;o)
WilderKaiser - 22. Feb, 20:51

Der...

...satanarchäolügenialkohöllische Zinn-Sinn! :-)) LG, WilderKaiser
orgyen - 4. Mrz, 23:14

Also ich finde die zwitschernden Amseln genial, zwitscher, zwitscher!

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