Elsas Nacht(b)revier

Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute sehr wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen. [Douglas Adams]

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Gegen den Strich - Huysmans

"Wie ein Einsiedler war er reif für die Abgeschiedenheit, erschöpft vom Leben, von dem er sich nichts mehr erhoffte; wie auch ein Klosterbruder war er überwältigt von unendlicher Müdigkeit, dem Bedürfnis nach innerer Sammlung, dem brennenden Wunsch, mit den Weltzugewandten nichts mehr gemein zu haben, die für ihn Verfechter des Nützlichkeitsprinzips und Schwachköpfe waren.
Kurzum, obwohl er sich keineswegs zum Stande der Gnade berufen fühlte, empfand er doch aufrichtige Zuneigung für diese in den Klöstern verborgenen Leute, die von einer haßerfüllten Gesellschaft verfolgt werden, welche ihnen weder die gerechte Verachtung verzeiht, die sie ihr entgegenbringen, noch den festen Willen, durch anhaltendes Schweigen die stetig wachsende Schamlosigkeit ihrer abgeschmackten, albernen Reden zu sühnen und zu büßen."

Huysmans: Gegen den Strich (1884)
WilderKaiser (anonym) - 6. Sep, 20:59

Genau das kenne ich sehr gut. Die Gratwanderung zwischen vita activa und vita contemplativa. Das Gefühl, dass man, in dem einen sich aufhaltend, im anderen etwas verliert. LG, WilderKaiser

inge lütt (anonym) - 6. Sep, 21:02

"Kurzum, (...)" - HA! Eitles Weltgeklingel falscher Versprechungen!
Von wegen "kurzum"!
ElsaLaska - 6. Sep, 21:06

Du müsstest dich eigentlich mit der Literatur des Fin de Siecle bzw. den Dekadenten relativ wohl fühlen. Da geht es die ganze Zeit um Sinnesreizung bis zum Überdruss und dann den Umschlag ins andere Extrem, die Hinwendung zum Katholizismus und die Abkehr vom Leben, weil die Nerven nicht mehr mitmachen und der Ekel zu groß wird. Huysmans Roman hatte Vorbildfunktion. Auf ihn berufen sich fast alle Autoren der Décadence. Vor allem der Held ist bekannt, nimm Rilke, nimm Thomas Mann:
Dort findet man immer wieder den schwachen Nachkömmling eines einstmals starken und kraftvollen Geschlechts.
(Das war nicht persönlich gemeint, sondern ein Exkurs in die Literaturgeschichte, natürlich)
ElsaLaska - 6. Sep, 21:08

@Inge Lütt:

Mmja! Treffend bemerkt. Im Vergleich zu den sonstigen Auslassungen (der Roman stammt ja aus dem 19. Jahrhundert), hat "kurzum" doch eine gewisse Berechtigung, tatsächlich ...
:)
WilderKaiser (anonym) - 6. Sep, 21:23

Ja, aber das hatte mit der starken Strömung des Vitalismus zu tun, die gerne das Kraftvolle und die Dynamik betonte und damit die Szene beherrschte. Wieder ein Land erobert und unterworfen...hurra! Es lebe die neue Kolonie...so dürfte sich das damals angehört haben. Dass die Decadence schwache, enervierte und vom Leben angewiderte Figuren in den Mittelpunkt stellte, kam damals einem Skandal gleich. Aber während Mann diese Figuren noch in einem ironischen Licht sah (Ironie hat ja immer etwas mit einer Perspektive zu tun, die der auf dem Feldherrenhügel gleicht), übertrug Kafka ihm die Rolle des Ich-Erzählers, das der Decadence eine ernsthafte, aber auch überaus komische Note verlieh. - Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. LG, WilderKaiser
C. Araxe - 6. Sep, 21:08

Haben Sie auch noch andere Bücher von Huysmans gelesen?

ElsaLaska - 6. Sep, 21:13

Nein,

aber A rebours ist mir als grundlegendes Werk der literarischen Décadence ein Begriff (Ich kenne gar kein weiteres von ihm). Ich habe meine Magisterarbeit über einen auf Deutsch nicht vorliegenden tschechischen Roman geschrieben, der dem selben Prinzip folgt (schwächlicher Letzter eines starken Geschlechts zwischen Exotismus, Sinnesüberreizung und Hinwendung zum Katholizismus etc.)
Haben Sie? Dann gerne Eindrücke schildern, ich bin daran interessiert!
C. Araxe - 6. Sep, 21:31

Um was für einen Tschechen handelt es sich denn?

Nur "Là-bas“ (kennen Sie eigentlich meine Galerie? *g*) und "En route“.
Danach wurde er mir zu religiös und die Werke zuvor sind mir zu wenig dekadent. "Là-bas“ sollten Sie auf jeden Fall auch noch lesen, wenn Ihnen "A rebours" zusagt. Wie der Titel vermuten lässt, handelt es sich inhaltlich um Abgründe.
"En route“ ist nicht ganz so faszinierend, ich fand es als ich es gelesen habe (ist auch schon wieder eine ganze Weile her) aber durchaus lesenswert, vor allem auch wegen der Traumschilderungen, wenn ich mich recht entsinne.
ElsaLaska - 6. Sep, 21:37

Ach ich entsinne mich dunkel

La-bas, genau. Ja, das werde ich mir vornehmen, danke für den Hinweis.
Achtung, jetzt kommt der tschechische Autor und der Name des Romans *sehrbreitgrins*
Jirí Karásek ze Lvovic mit "Gotická duse" - "Die gotische Seele". (Die Hatscheks auf r von Jirí und duse hab ich mir gespart)
Und mit Religiösität habe ich - wie immer - überhaupt kein Problem :)
C. Araxe - 6. Sep, 21:47

Naja, beispielsweise Jules Barbey d'Aurevilly ist ja auch irgendwo sehr religiös und den mag ich sehr, aber von dem, was ich mal auszugsweise von Huysmans gelesen habe, war das nicht so mein Geschmack.

Danke für Jirí Karásek! Vielleicht gibt's den doch irgendwann mal als deutsche Ausgabe. Haben Sie die erste oder zweite Fassung von dem Buch?
(gleich mal nachgeschaut *g*)
ElsaLaska - 6. Sep, 21:58

das wenn ich noch wüsst ...

da müsste ich im literaturverzeichnis nachgucken, welche fassung ich hatte. ich hatte die auch kapitelweise zusammengefasst, zwar nicht übersetzt, aber eine ausführliche zusammenfassung auf deutsch gemacht (auf vorschlag des profs *auchwiederbreitgrins*, der war im tschechischen nicht so beschlagen) ...und dann die dekadenten motive herausgearbeitet, ist aber schon eine paar jährchen her :)
prag spielt eine große rolle, der held flaniert (flaneur-motiv) durch prag, hat ekstasen und visionen in den verschiedenen kirchen und so weiter ... es ist auch ein prag-roman. sehr schade, dass er nicht auf deutsch vorliegt ...
ElsaLaska - 8. Sep, 19:07

Für C. Araxe

fiel mir eben grad ein, noch ein Literaturtipp (für Wilden Kaiser und alle anderen natürlich auch*gg*):
Peter Demetz (Hrsg.): Fin de Siècle. Tschechische Novellen und Erzählungen. Erschienen in der Tschechischen Bibliothek bei dva.

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