Elsas Nacht(b)revier

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Tiberius (anonym) - 22. Apr, 01:25

Fragment zum Glaubensbekenntnis der Paneuropäischen Säkularkirche

Salvete!

Vielleicht wäre es einfacher zu verstehen, was hier mit Häresie gemeint ist, wenn man das Glaubensbekenntnis der "paneuropäischen Säkularkirche" kennen würde. Zufällig ist mir ein Bruchstück eines solchen vor kurzer Zeit in die Hände gefallen:

Bewahre Dein Leben um jeden Preis, denn Freiheit ist nur eine Illusion, Liebe nur ein Geschäft und Wahrheit sicher nicht im Glauben. Glaube nicht, und wenn Du glaubst, dann bekenne nicht, wenn Du aber doch bekennst, dann belästige uns nicht auch noch durch die Taten, die Deinem Bekenntnis folgen. Setz Dir nur Ziele, die Du erreichen kannst, messe Dich nur an Maßstäben, die Du erfüllen kannst, lege Dich auf nichts fest und laß Dich auf nichts festlegen. Nenne jeden, der abfällt von diesen Gesetzen, einen Fundamentalisten und Häretiker.

Leider ist das Glaubensbekenntnis nicht vollständig. Ich hoffe, daß ich trotzdem ein bißchen weiterhelfen konnte.

Tiberius

ElsaLaska - 22. Apr, 01:45

Die gibts wirklich?

Also als Institution? Mit Credo und allem pillepalle - weil sie natürlich klauen müssen von den bösen institutionalisierten repressiv-entmündigenden Kirchen?
*bricht zusammen*
ElsaLaska - 22. Apr, 02:01

"dann belästige uns nicht auch noch durch die Taten, die Deinem Bekenntnis folgen."
Das ist hochprima. Ich werde das mal morgen bei der Ökumenischen Sozialstation vortragen und vor allem bei den Leuten, die dort in ihrer Not betreut werden.
Das wird ein schönes neues Europa. Ich freu mich drauf.
Tiberius (anonym) - 22. Apr, 02:15

Ich sehe das wie Du. Nach einem säkularen Weltbild handelt es sich aber bei der Betreuung von Menschen durch Deine ökomenische Sozialstation nicht um einen Akt der Liebe, um ein Geschenk, sondern um eine Dienstleistung, die von der Gesellschaft durch Kirchensteuern und andere Zuwendungen bereits erworben wurde. Diese Dienstleistung zu verwehren, wäre für sie Betrug. Im Grunde würde das sogar die Reste der Legitimation öffentlichen Handelns durch Kirchen beseitigen. Schließlich werden sie öffentlich nur noch deshalb ertragen, weil sie öffentliche, soziale Einrichtungen betreiben, die helfen, das erste und oberste Gebot zu erfüllen: Bewahre Dein Leben um jeden Preis.

Tiberius
ElsaLaska - 22. Apr, 02:27

Nun, vielleicht war die Sozialstation ein schlechtes Beispiel, obwohl es auch dort, soweit ich informiert bin, ehrenamtliche Mitarbeiter gibt, die aufgrund ihres Glaubens Not lindern wollen. Und den Hauptamtlichen würde ich diese Motivation nicht auch gerade pauschal absprechen wollen. Aber sicher, es war schlecht gewählt. Ich finde es erstaunlich, wie Leute davon ausgehen können, dass unsere Gesellschaft noch funktionieren würde, wenn sich nicht Menschen aufgrund ihres Glaubens für andere engagieren würden. Wir könnten vermutlich dann - sofern nicht eh abgetrieben - alle in die Schweiz zu Dignitas fahren und für mehrere Tausend Euro auf dem Parkplatz gegen Cash krepieren, anstatt liebevoll bis zuletzt betreut zu werden. (Sorry, wegen der Pauschal-Polemik, aber Hospiz ist mir ein echtes Anliegen).
PS: Verblöde ja zusehends und habe deine "vorschützende" Argumentation gerade eben erst wirklich begriffen.
Tiberius (anonym) - 22. Apr, 11:50

Deus caritas est

Salve Elsa!

Es gibt viele Menschen, die die Liebe, die Hingabe ist und Opfer bringt, leugnen, weil sie schon die Freiheit zur Hingabe und zum Opfer verneinen. Sie verzichten dabei nicht auf das Sprechen von Liebe, ihre Welt scheint voll davon: "ich liebe es", "wir lieben Lebensmittel" oder "wir lieben Technik".

Aber sie tragen die Liebe auf den Markt. Die Bereitschaft, alles für eine Sache tun zu wollen, wird zur Bedarfserklärung und zum Qualitätsversprechen. Alles was auf dem Markt ist erhält im Geschäft einen Preis, der durch Angebot und Nachfrage bestimmt und mit dem Äquivalent des Geldes bezeichnet wird. Das Äquivalent ist die Verneinung des Opfers; geht es doch davon aus, daß jeder bekommt, was er gibt. Gibst Du einem Obdachlosen auf dem Markt einen Euro, dann bekommst Du etwas zurück, was einen Euro wert ist. Sei es auch nur das gute Gefühl ein besserer Mensch zu sein.

Diese Liebe des Marktes ist nicht die Liebe des Gekreuzigten. Seine Liebe ist kein Geschäft und keine Währung, er verjagt die Geschäftemacher und Geldwechsler aus seinem Tempel. Es gibt keinen Preis und kein Äquivalent für seine Liebe. Er zieht keinen Nutzen aus seinem Opfer und er bezeugt seine Liebe durch das höchste Opfer: sein Leben.

Wer den Gekreuzigten nicht hat, und das betrifft unsere säkularen Freunde, der muß in der Hilfe eines ehrenamtlichen Mitarbeiters Deiner Diakoniestation Egoismen am Werk sehen. So wie er schon in der Liebe von Mutter und Vater einen Akt der Arterhaltung sieht unterwirft er sich der Selbsterhaltung, womit wir wieder beim ersten Gebot des säkularen Lebens wären: Erhalte dein Leben um jeden Preis!

Vale!
Tiberius
Tiberius (anonym) - 22. Apr, 12:04

Post scriptum:

Was dem säkularen die ehrenamtliche Tätigkeit des Diakoniehelfers zudem verleidet, ist die vermeintliche Heuchelei dessen, der nicht zugeben will, daß seine Hilfe auch nur Egoismus ist, und die vermeintliche Überheblichkeit dessen, der durch seine Taten doch nur zeigen will, was für ein guter Mensch er doch ist.

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