Elsas Nacht(b)revier

Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute sehr wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen. [Douglas Adams]

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Religionsgeschichtliches Sahnebonbon im Alltag

Heute kam ein junger Mann aus dem Irak zur Einzelberatung. Ich las mir seinen Lebenslauf durch, wo unter Religion "baptistisch" vermerkt war.
Aha, dachte ich, ein irakischer Christ. Wir unterhielten uns eine Weile über diverse andere Dinge und schließlich wollte ich es genau wissen: Baptistisch, das bedeutet christlich, oder?
Nein, meinte der junge Mann, wir sind keine Christen.
Getauft und kein Christ? Nachtigaahahaaalllll ...
Und tatsächlich erklärte er weiter: Wir führen unseren Glauben auf Johannes den Täufer zurück (!).
Ein Johanneschrist also, oder besser und klarer formuliert, ein Mandäer oder auch Sabäer, ein Angehöriger der letzten überkommenen gnostischen Religion auf dieser Erde. Ungefähr 60.000 leben noch weltweit (die meisten im Exil, weil sie im Irak brutaler Verfolgung ausgesetzt sind).
Die Mandäer zelebrieren im Gottesdienst die Taufe in "Jordan" genanntem Wasser, das unbedingt fließen muss und die möglichst jeden Sonntag wiederholt werden soll (als eine Art Beichtsakrament zur Vergebung der Sünden - praktisch eigentlich ...) . Sie sprechen Aramäisch, merkwürdigerweise heiligen sie den Sonntag, lehnen aber Jesus Christus als falschen Propheten ab, ebenso wie sie den jüdischen Glauben als Irrtum ablehnen. Hochinteressant und sehr sehr spannend das ganze. Immerhin bestimmte der Kampf gegen die Gnosis die gesamte frühe Kirchengeschichte. Mir war überhaupt nicht klar, dass eine religiöse Minderheit die Gnosis bewahrt hat und noch immer zelebriert (und leider auch kurz vor der Ausrottung steht).
Unglaublich ...

Die Mandäer bei Wikipedia [wie immer mit Vorsicht zu genießen]
Die Gesellschaft für bedrohte Völker zur Verfolgung von Mandäern im Irak
Harki (anonym) - 29. Apr, 22:04

Thanks for sharing, Elsa...

Erinnert mich daran, in einem früheren Leben einmal eine Vorlesung über den Manichäismus gehört zu haben, der ja Verbindungen zur Gnosis hatte. Die Mandäer waren zu den Zeiten, als sie sich sozusagen noch in freier Wildbahn beobachten ließen, so eine Art Lieblingstierchen der Philologen, die sich damit befaßt haben. Der Prof, bei dem ich gehört habe, war übrigens von Haus aus Sinologe und meckerte über eher traditionelle Religionshistoriker, die zwar die koptischen Nag-Hammadi-Texte zur Kenntnis nehmen können ("Ja, Koptisch kann so ein Philologe!"), nicht aber die chinesischen Quellen zum Manichäismus. Tjo, Wissenschaftler halt...

Harki (anonym) - 29. Apr, 22:07

(Ah, ich sehe gerade, Du hast noch zur GfbV verlinkt. Unter dem Strich eine sehr verdienstvolle Organisation. Das waren/sind so ziemlich die einzigen in D, die was zu Tschetschenien machen. Aber das nur nebenbei.)

zuckerwattewolkenmond - 29. Apr, 22:27

Ich finde es

auch immer wieder interessant, was es so für Religions- und Glaubensgemeinschaften gibt. Bei mir kam das große Ahhh bei den Jeziden. Aber das erstaunlichste ist, daß man eigentlich in jeder Religion gemeinsame Wurzeln findet, da die Überlieferung oft nur in eigentlich kleinen, aber zur Abgrenzung unheimlich wichtigen Details abweicht.

"Melek Taus bzw. Tausî Melek (auch Engel Pfau) ist ein von den kurdischen Jesiden verehrter Engel. Als erster von sieben Engeln erschuf er in Gottes Auftrag die Welt, sowie auch Adam und Eva. Da sich Tausî Melek jedoch weigerte, vor Adam zu knieen, wurde er zum obersten Engel und zum Beschützer und Verwalter der Erde erhoben. Die Anweisung war ein Test, da Gottes erstes Gebot an die sieben Engel gewesen war, sie sollten nur ihn anbeten. Aber irgendwann hat Tausî Melek doch gegen einen Beschluss Gottes gehandelt (da er wie die Menschen auch mit der Gabe des freien Willens geschaffen wurde) und wurde von Gott in die Hölle geschickt. Dort bereute dieser seine Tat und löschte mit seinen Tränen das Höllenfeuer. Deshalb gibt es bei den Jesiden keine Hölle und keinen Teufel. Das Böse in der jesidischen Mythologie existiert nur im Menschen selbst (Freier Wille). Wenn ein Jeside in seinem Leben etwas Schlechtes getan, gesprochen oder auch nur gedacht hat, liegt die Strafe darin, wiedergeboren zu werden und es nochmal zu versuchen. Wer sich jedoch richtig verhält, gelangt zu Gott (Himmel).

Der Koran berichtet, das Iblis (der islamische Teufel) sich aus Arroganz geweigert habe, vor Adam niederzuknien. Dieser Zusammenhang ist einer der Gründe, dass die Jesiden jahrhundertelang und teilweise bis heute als angebliche "Teufelsanbeter" diskriminiert wurden.

Als wichtigste Reinkarnation des Tausî Melek gilt nach jesidischem Glauben Scheich Adi. "
(http://shameh.homepage24.de/Jeziden)

ElsaLaska - 29. Apr, 22:45

"Thanks for sharing" - das mag ich euch beiden gerne zurückgeben!

harki, wenn du noch einzelheiten zu den chinesischen quellen hast oder weißt, immer gerne!

scipio (anonym) - 29. Apr, 22:54

Wenn ...

... die alle Christen würden, dann ginge doch eigentlich auch was verloren, oder? Kommt mir gerade so, der Gedanke.
Harki (anonym) - 29. Apr, 23:26

"wenn du noch einzelheiten zu den chinesischen quellen hast"

Nein, leider nicht :-(, das ist nun so 15 Jahre her. :-( Nur die "Take-Home-Message" der Ausführungen dazu habe ich tatsächlich mit nach Hause genommen: Daß China zwar weit entfernt sei, aber auch nicht sooo weit -- jedenfalls nicht so weit, daß gelegentlich auch noch was anderes als Nudeln und Seide hin- und herdiffundiert seien.

Ich habe gerade das alte Standardwerk zur Gnosis (Kurt Rudolph) unter Inkaufnahme eines allergischen Schocks und zeitweiliger Sehstörungen von Staub freigepustet, aber da hat es auch nichts dazu. Wohl aber ein Schlußkapitel von 15 Seiten: "Ein Überbleibsel: Die Mandäer"
rosmarin - 29. Apr, 23:07

thanx for sharing.... auch von der vollkommen religionsungebildeten front

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