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Die Erbsünde.

Auszug aus einer Predigt zum 40. Jahrestag des II. Vatikanischen Konzils, entnommen dem Buch "Freiheit und Glaube" unseres Hl. Vaters:

"Was für ein Bild wird uns in diesem Abschnitt [der Genesis] vor Augen geführt?
Der Mensch vertraut nicht auf Gott. Von den Worten der Schlange verführt, hegt er den Verdacht, daß Gott ihm letzten Endes etwas von seinem Leben wegnehme, daß Gott ein Konkurrent sei, der unsere Freiheit einschränke, und daß wir erst dann im Vollsinn Menschen sein würden, wenn wir Gott zurück gesetzt haben; kurz, daß wir nur auf diese Weise unsere Freiheit voll verwirklichen können. Der Mensch lebt in dem Verdacht, die Liebe Gottes erzeuge eine Abhängigkeit und er müsse sich von dieser Abhängigkeit befreien, um vollkommen er selbst zu sein.
Der Mensch will seine Existenz und die Fülle seines Lebens nicht von Gott empfangen. Er will selber vom Baum der Erkenntnis die Macht dazu erlangen, die Welt zu formen, Gott zu werden, in dem er sich auf eine Stufe mit Ihm erhebt, und den Tod und die Finsternis mit eigener Kraft besiegen. Er will nicht auf die Liebe zählen, die ihm nicht zuverlässig erscheint; er zählt einzig und allein auf die Erkenntnis, da sie ihm die Macht verleiht. Anstatt auf die Liebe setzt er auf die Macht, mit der er sein Leben selbständig in die Hand nehmen möchte. Und indem er das tut, vertraut er der Lüge statt der Wahrheit und stürzt so mit seinem Leben ins Leere, in den Tod. Liebe ist nicht Abhängigkeit, sondern Geschenk, das uns leben läßt.
Die Freiheit eines Menschen ist die Freiheit eines begrenzten Wesens und ist daher selbst begrenzt.
Wir können sie nur als geteilte Freiheit, in der Gemeinschaft der Freiheiten, besitzen: Nur wenn wir in rechter Weise miteinander und füreinander leben, kann sich die Freiheit entfalten. Aber wir leben in rechter Weise, wenn wir gemäß der Wahrheit unseres Seins, das heißt nach dem Willen Gottes leben. Denn der Wille Gottes ist für den Menschen nicht ein von ihm außen auferlegtes Gesetz, das ihn einengt, sondern das seiner Natur wesenseigene Maß, ein Maß, das in ihn eingeschrieben ist und ihn zum Abbild Gottes und somit zum freien Geschöpf macht. Wenn wir gegen die Liebe und gegen die Wahrheit - also gegen Gott - leben, zerstören wir uns gegenseitig und zerstören die Welt. Dann finden wir nicht das Leben, sondern handeln im Interesse des Todes. Das alles wird mit den unvergänglichen Bildern in der Geschichte vom Sündenfall und von der Vertreibung des Menschen aus dem irdischen Paradies erzählt."

**************************
Genesis 3: Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. 15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.
20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. 21 Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. 22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! 23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. 24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.
Geistreisender - 4. Mai, 11:50

Die Gnade Gottes

Braucht es mehr?

iwillbe - 4. Mai, 13:06

bleibt aber doch die frage: warum hat gott den baum überhaupt dorthin gepflanzt?

Ingo (Gast) - 4. Mai, 14:03

Hm,

wer bei solchen Texten in Begeisterungsstürme darüber verfällt, daß "vorbelastete Begriffe" nun endlich schlüssig und eingängig erklärt werden, den verstehe ich nicht.

Aber ich bin ja vielleicht auch vom Stammtisch ...

ElsaLaska - 4. Mai, 14:05

Was verstehst du denn nicht? Ich denke, der Hl. Vater hat die Bedeutung des Sündenfalls sehr schön erläutert. Intellektuell leicht fassbar, wie ich finde.
Ingo (Gast) - 4. Mai, 14:12

Ich dachte,

es sollte dem modernen Menschen (so einem wie mir, vielleicht) gesagt werden, warum der Begriff Erbsünde heute noch so wichtig wäre. Und wie er sinnvoll im Alltag gebraucht werden könnte. Vielleicht würde ich mich nämlich gerne mit meinen Mitmenschen darüber austauschen und zu einem Konsens finden. Aber irgendwie ... hilft mir der obige Text dazu nicht weiter.

Erbsünde? Erbsünde? Erbsünde? Der Begriff klingt so tönern wie nur irgend etwas tönern klingt in der heutigen Zeit.
ElsaLaska - 4. Mai, 19:21

@ingo

Irgendwie hast du ein Textverständnisproblem. Wenn du wissen möchtest, warum die Erbsünde, bzw. besser deren Auslegung und Erläuterung, auch für den modernen Menschen noch eine Bedeutung hat, dann stelle doch einfach mal in einer egal wie gearteten Runde (Freundeskreis, atheistisches Symposium, Tupperwareparty), diesen Satz des Hl. Vaters zur Diskussion:
"Die Freiheit eines Menschen ist die Freiheit eines begrenzten Wesens und ist daher selbst begrenzt."
Mir zumindest würde dieser Satz auch als ich noch nicht katholisch war, einiges zu denken gegeben haben.
Ingo (Gast) - 4. Mai, 19:53

Ok, Elsa,

der Satz selbst ist gut.

Er ist so gut, daß er außerhalb JEDES religiösen oder theologischen Kontextes ebenso Sinn machen würde und diskussionswürdig wäre.

Aber ERBSÜNDE, ERBSÜNDE, ERBSÜNDE, da schwingen doch SO viele, viele weitergehende Implikationen mit. Implikationen, für die ich mich durchaus interessieren könnte, die allerdings in dieser abstrakten Formulierung gar nicht mehr vorhanden sind.

Oh, ich muß mich in den Staub werfen, ich muß bereuen, ich muß verzweifeln, an mir selber, an meiner Fähigkeit zum Gutsein, oh, Sünde, Sünde, Sünde, muß ich rufen, ich muß mich geißeln, so wie das wohl heute nur noch in Sado Maso-Studios passiert - - -

all das ist Erbsünde. All das ist aber nicht tangiert durch solche abstrakten Sätze.

WO taucht in dem Begriff Erbsünde die Idee der Freiheit auf? Auch DAS würde ich auf den ersten Blick so nicht sehen. Wäre ein sehr weit hergeholter Zusammenhang. Beim christlichen Begriff der Erbsünde geht es um die Stellung des Menschen an sich in der Welt vor allem sich selbst, seiner Körperlichkeit und Sündenbehaftetetheit gegenüber und - DAMIT - Gott gegenüber, NICHT in erster Linie darum, die Freiheit meines Mitmenschen nicht zu gefährden, wie das in diesem Satz das heiligen Vaters aller Katholischgläubigen vor allem mitklingt - vor allem so säkular mitklingt.

Ich möchte meinen, sogar der Begriff Freiheit ist eher ein protestantischer (Luther, man weiß). Wo spielt die Idee der Freiheit denn zuvor und sonst überhaupt eine große Rolle? Bei Augustinus etwa? Für ihn existiert doch nur Willensunfreiheit. Und warum? WEIL es eben Erbsünde gibt. Als KNECHT Gottes bin ich doch nicht frei? Ist Freiheit für mich sowieso kein besonders diskussionswürdiger Gegenstand ... "Freiheit existiert überhaupt nicht," das wäre recht augustinisch und erbsündenbelastet gesprochen, oh, oh, oh, ich mißratener Sohn, ich zerbrochene Scherbe, oh, oh, oh
ElsaLaska - 4. Mai, 20:03

*prust

>>Oh, ich muß mich in den Staub werfen, ich muß bereuen, ich muß verzweifeln, an mir selber, an meiner Fähigkeit zum Gutsein, oh, Sünde, Sünde, Sünde, muß ich rufen, ich muß mich geißeln, so wie das wohl heute nur noch in Sado Maso-Studios passiert - - -

all das ist Erbsünde.>>

Das ist zwanghaft neurotisch, würde ich eher sagen. :-)
Ingo (Gast) - 4. Mai, 20:11

ich sag's ja,

in zeiten, in denen das, was ich sage, neurotisch klingt, klingen worte wie sünde oder erbsünde tönern.

es hallt nichts von ihrem ursprünglichen klang wider in den herzen der menschen. das emotionale substrat, aus dem das christentum in der spätantike geboren wurde, die sehnsucht nach gott AUS der sünde, aus der sündigen welt heraus (vorher schon im mithraskult und in vorgängerreligionen praktiziert, auch im neuplatonismus), dieses emotionale substrat ist gar nicht mehr vorhanden. noch nicht mal als bedürfnis.

wir leben im zeitalter des letzten menschen.
thysus - 4. Mai, 20:33

Die Erbsünde:

1. Die einzige (statistisch)beweisbare dogmatische kirchliche Lehre.
2. Mit dem Begehen dieser Erb- oder Ursünde erwies und erweist sich der Mensch erst als solcher: freien Willens kann er das Schlechtere, Unvollkommene, Bequemere wählen.
3. Sie nicht zu erkennen oder nicht anerkennen zu wollen ist der Urgrund all der unmenschlichen und grausamen Weltverbesserungs-Diktaturen.

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Zwetschgerich (Gast) - 27. Nov, 15:20
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