Elsas Nacht(b)revier

Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute sehr wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen. [Douglas Adams]

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Das Farnese-Komplott

Mittwoch, 2. Mai 2007

Das Farnese-Komplott [150]

Die Tage vergingen. Eingebunden in den strikten Ablauf von Gebets- und Arbeitszeit im klösterlichen Rhythmus verlor ich ein Ziel nicht aus den Augen: Zu fliehen. Wenn es mir doch nur gelingen würde, eine Nachricht zu schicken, eine SMS, ein Fax, einen Brief - aber daran war nicht einmal zu denken. Das Kloster verfügte weder über Festnetztelefon noch Internet. Um einen Brief heraus zu schmuggeln, brauchte ich eine Verbündete - und die hatte ich nicht. Meine Arbeit bestand darin, in einem formlosen grauen Gewand, dessen Stoff mir juckende Ekzeme auf den Schulterblättern und Hüften verschaffte, die Böden zu wischen.
Über die geografische Lage des Klosters wusste ich immer noch nicht genau Bescheid, vermutete aber, dass es sich in einem Unterkreis des Infernos befinden musste, den Dante vergessen hatte, zu beschreiben. Je länger ich darüber nachdachte, desto plausibler schien mir diese Vorstellung. Erklärte sie doch schließlich auch, warum Bianca, die große strega, mächtigste Seherin, die die Familie Farnese je hervor brachte, nicht längst schon meinen Aufenthaltsort ausfindig gemacht hatte. Wenn nicht sogar Konsens im Hause Farnese bestand, mich hier auf ewig verrotten zu lassen. Wieso man mir überhaupt eine solche Wichtigkeit beimaß, versuchte ich vergeblich zu begreifen. Gut, wenn Micheles Plan aufgehen und Lorenzo erst zum Kardinal erhoben, danach der nächste Santissimo Padre auf dem Heiligen Stuhl werden sollte, müsste er zunächst Estefanio aus dem Weg räumen. Doch nicht mich! Für mich gab es in dieser Zeit keinen Zweifel: Vielleicht spielte Lorenzo tatsächlich mit dem Gedanken, seine Ämter und Würden niederzulegen, aber während dem Anschlag auf den verstorbenen Papst und die Krise danach hatte sich doch deutlich abgezeichnet, dass er immer nur im Interesse seiner Familie und der Kirche handeln würde.
Auf derlei Art drehten sich meine Gedanken während dieser Tage und Wochen im Kreis.
Es wurde auch nicht besser, als ich schließlich, ich war gerade in der Bibliothek beschäftigt und unbeobachtet, in den verstaubten Regalen einen historischen Adelsalmanach entdeckte. Verfasst von einem gewissen Luca della Torre im Jahre 1898.

Ich warf den Putzlappen in den Eimer, wischte mir die Hände an meiner Schürze ab und öffnete den Wälzer unter dem Buchstaben F.
Der Eintrag über die Farnese befand sich dort an erster Stelle.

... in der männlichen Linie (dokumentiert) zurückgehend auf das 11. Jahrhundert, Stammsitz Castrum Farneti, bei Orvieto. Die Farnese nehmen für sich in Anspruch, ihre Abstammung von der weiblichen Seite her bis auf das altrömische Patriziergeschlecht der Claudier zurückverfolgen zu können (Familienlegende, nicht verlässlich dokumentiert). Weiter soll eine wenig bekannte Sibylla - neben den zehn berühmten - , die eine Felsgrotte in den Abruzzen bewohnte, zu den weiblichen Ahninnen zählen. Das Geschlecht der Farnese hat, bemerkenswerterweise ohne über all zu vielen Landbesitz zu verfügen, nicht nur mächtige Inquisitoren, berühmte Kardinäle und einige Päpste gestellt, sondern auch zahlreiche Seherinnen, Hebammen und weise Frauen hervorgebracht. Man sagt den Farnese, sowohl den Männern wie Frauen, große Verführungskraft nach, gepaart mit einem gehörigen Maß an Skrupellosigkeit und der Bereitschaft, für die Ziele der Familie, die oft genug im Laufe der Jahrhunderte mit dem römischen Klerus verknüpft waren, nicht nur das eigene Schicksal, sondern auch dasjenige anderer preiszugeben ...

Ich klappte das Buch mit einem Knall zu, öffnete das bleiverglaste Fenster und warf es mit weitem Schwung hinunter in den Kräutergarten.

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Freitag, 19. Januar 2007

Das Farnese-Komplott [149]

„Sie werden mich nie wieder so anstarren. Haben Sie mich verstanden? Sie halten den Blick gesenkt, wenn wir miteinander reden“, zischte er und wich dann aufatmend zurück. „Salvatore. Ein talentierter junger Mann würde ich sagen. Hat Biss. Wie einst sein Vater.“ Wieder dieses meckernde Lachen.
Ich schaute auf meine gefalteten Hände, was ihn zu besänftigen schien. „Estefanio, unser frischgebackener Heiliger Vater, hat in seiner Jugend nichts anbrennen lassen. Salvatore ist eine weitere Frucht seiner Lenden, Lorenzos Halbbruder, wenn Sie so wollen, nur dass niemand von seiner Existenz weiß – außer mir – und Ihnen! ... Sie sollen den Blick nicht erheben!“ Er machte eine drohende Handbewegung. „Sie haben doch nicht geglaubt, ich wüsste nicht, wer Lorenzos wirklicher Vater ist?“
Ich schüttelte probehalber den Kopf, um zu testen, ob meine Halswirbel ihn noch tragen würden.
Michele ging, augenscheinlich beruhigt von meiner Demut, hinüber zum Fenster, setzte sich halb auf das Fensterbrett aus Travertin und ließ das rechte Bein baumeln.
„Der angemessene Platz für eine Farnese-Frau ist im Kloster. Natürlich bringen wir keine Frauen um, schon gar nicht, wenn sie unseren Namen tragen, auch wenn Sie nur adoptiert sind. In unserer Familie regelt man die Dinge auf diskrete Art und Weise.“
„Ein Messerangriff im Petersdom auf Ihren- wie soll ich sagen - offiziellen Sohn ist nicht gerade das, was ich als diskret bezeichnen würde“, widersprach ich angeekelt, aufs Geratewohl drauflos ratend.
„Vielleicht haben Sie Recht. Aber das Ergebnis war ganz in unserem Sinne. Die Popularität unserer Familie stieg in unaufhaltsame Höhen, für die Erhebung Lorenzos zum Kardinal wird in vielen Gemeinden Italiens regelmäßig gebetet und, Sie erinnern sich vielleicht, wir stellen den neuen Papst.“
„Ich erinnere mich sehr gut!“, antwortete ich sarkastisch und bemühte mich, in Richtung Fenster zu kommen, um frische Luft zu schnappen und nicht ohnmächtig zu werden. „Der Mordanschlag in Lourdes auf den verstorbenen Heiligen Vater geht also auch auf Ihr Konto?“
Michele schlug beflissen ein Kreuz und murmelte ein Gebet für Estefanios Vorgänger im Amt. „Das sind Leute, derer wir uns nur bedienen müssen. Überaus hilfreich. Estefanio wird als Nächster fallen. Vielleicht haben Sie den Eindruck, er sei ein konservativer, harscher Mann?“
Den hatte ich durchaus nicht. Estefanio war ein zäher Lump, aber konservativ, nein, dieses Gütesiegel konnte ihm wohl niemand zugestehen, der ihn näher kannte. Ein Renaissancemensch – durchaus. Dabei aber skrupellos offen und ohne die heuchlerische Bigotterie, die Michele an den Tag legte. Ich schwieg also.
„Nachdem ich Papa Pietro aus dem Weg habe, wird Lorenzo seine Pflicht erfüllen. Daraus erklärt sich Ihr Aufenthalt hier. Mein Sohn, auch wenn nicht mein eigen Fleisch und Blut, wird ohne weitere Ablenkungen – durch SiE zum Beispiel, - einen willfährigen Papst abgeben. Danach mache ich den Weg frei für Salvatore, der mir gute Dienste geleistet hat. Und da Sie nun eine Farnese sind – machen Sie sich mit Salvatore vertraut. Alles was ihm noch fehlt ist die Legitimation durch unseren Namen, den Estefanio ihm durch seine unvergleichliche Ignoranz verweigert hat. Ich baue auf Sie, insbesondere weil unser guter Salvatore eine Belohnung verdient hat und- das wird es leichter für Sie machen - , er ist Lorenzo sehr ähnlich.“

Das war eine Lüge. Eine gottverdammte Lüge. Wenn irgendein Mensch auf dieser Welt Lorenzo nicht ähnlich war, dann war es diese Schimäre Salvatore mit seinen kalten Fischaugen und seinen ekelhaften schleimigen Fingern. Ich schlug die Hände vor mein Gesicht und begann zu weinen. Nicht wegen der Hoffnungslosigkeit meiner Situation, sondern weil ich all das nicht gleich erkannt hatte. Weil ich geglaubt hatte, Lorenzo sei dazu fähig, mir all dies anzutun. Weil ich nicht die Gewissheit gehabt hatte, er habe mit all dem nichts zu schaffen. Weil ich ihn, wie ich befand, auf diese Art und Weise verraten hatte. Weil ich, wie ich erst im Nachhinein bemerkte, nicht mehr bei klarem Verstand war.
Michele lehnte sich in das Fensterkreuz zurück und genoss meinen Anblick, rückhaltlos und ohne ein Zeichen von Scham oder schlechtem Gewissen.

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Das Farnese-Komplott [148]

Wieviele Tage vergingen, weiß ich nicht, denn die Läden in meiner Kammer blieben geschlossen und ich konnte sie nicht öffnen, weil die Fenster vergittert waren. Die Wunden an meinem Kopf vernarbten erstaunlich schnell – an der linken Schläfe blieb ein dicker Wulst zurück, weil sich niemand die Mühe machte, mich mit Salbe oder Jod zu versorgen. Das wäre nicht das Schlimmste gewesen, wenn man mir meine Haare gelassen hätte, um die Narben zu verdecken. Doch kaum, dass ich wieder aufrecht sitzen konnte, kam eine Nonne in grauem Habit und scherte mir den Kopf.
Das, und die ganze Atmosphäre, das Morgen- und Abendgeläut einer kleinen Kirchenglocke schienen mir ein Indiz dafür, dass ich mich irgendwo auf dem Land in einem Kloster befand. In welchem und wie weit es bis nach Rom war, wollte mir niemand sagen.

Ich bekam drei Mal am Tag eine Scheibe Brot und einen Krug Wasser, so dass ich mir ausrechnen konnte, vielleicht schon seit drei Tagen in Gefangenschaft zu sein, als mir meine griesgrämige Wärterin Besuch ankündigte. Sie steckte mich in einen ebenfalls grauen Habit aus furchtbar kratzendem Wollstoff und öffnete feierlich Fenster und Fensterläden. Draußen schien die Sonne und mir schossen die Tränen in die Augen, so geblendet war ich und so sehr gehungert hatte ich nach diesem Anblick, der mich wie ein Blitz traf, nach dem stumpfen Dahinvegetieren der letzten Tage im düsteren Schein der Kerzen. Besuch, das bedeutete, irgendjemand würde mit mir sprechen, mich wie ein Mensch behandeln. Wenn ich so etwas wie Hoffnung verspürte in diesem Augenblick, obwohl mir die Bedeutung dieses Wortes nicht mehr geläufig schien, dann hoffte ich, dass Lorenzo käme. Damit ich ihn davon überzeugen konnte, dass ich seinen Namen nicht einmal mehr dachte, wenn das wirklich sein Wunsch war.

Erst viel später wurde mir klar, wie nahe ich in diesem Moment daran gewesen bin, den Verstand zu verlieren. Dass ich ihn nicht verlor, verdanke ich einzig und allein die Tatsache, dass die Türe sich schließlich öffnete und ein Mann auf der Schwelle stand, mit dem ich beim besten Willen nicht gerechnet hatte und dessen Erscheinen mir einen regelrechten Schock versetzte.
„Buon giorno! Wie ich sehe, bekommt Ihnen der Aufenthalt in unserem Kloster außerordentlich gut“, begrüßte mich Michele Farnese mit leicht näselnder Stimme und ohne mir in die Augen zu sehen. „Besonders erfreut bin ich darüber, dass Sie sich endlich entschlossen haben, Ihr Haar zu tragen, wie es sich für eine Frau ziemt. Es würde mich zwar interessieren, ob Anastasio noch etwas retten könnte“, er lachte meckernd, „aber ich nehme an, selbst der große Maestro persönlich würde bei diesem Anblick kapitulieren. Sie haben sich eingelebt?“
Er zog seine goldene Taschenuhr aus der Anzugweste, klappte sie auf und betrachtete das Zifferblatt, als erwarte er von ihm eine Antwort auf seine Frage.
„Warum haben Sie mich nicht einfach umgebracht?“ , entgegnete ich und versuchte, den Würgereiz in meiner Kehle zu unterdrücken. Die Stelle, an der Lorenzos Finger zugedrückt hatten, war immer noch wund. Ich massierte mir mechanisch den Kehlkopf.
„Ich muss mich für Salvatore entschuldigen, er war wohl etwas übereifrig bei ihrer ersten Begegnung.“
Salvatore? Ich schaute Michele aus trüben Augen an. Der machte prompt das Zeichen gegen den bösen Blick.
Dann trat er auf mich zu und schlug mir ins Gesicht.


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Donnerstag, 18. Januar 2007

Das Farnese-Komplott [147]

Vielleicht wäre ich noch länger zwischen den Falten der schweren Vorhänge umhergeirrt, die die Welten voneinander trennen. Wenn nicht ein klägliches Wimmern, das nicht abreißen wollte, mir den Weg hinaus gewiesen hätte. Weder konnte ich mich bewegen, noch vollständig die Augen öffnen, die wie verklebt von dem roten Schleier schienen, der sich über mein Gesichtsfeld gelegt hatte. Mit jedem Blinzeln fuhr ein höllischer Schmerz über meine ganze linke Kopfseite, mein Mund war angefüllt mit einer dicklichen, zähen Masse - ein Knebel, wie ich allmählich feststellte - und das Wimmern war mein eigenes. Ich war nicht allein.
Angestrengt versuchte ich die verschwimmenden Konturen des Mannes zu fixieren, der auf mich herabschaute. Er trug einen weißen Priesterkragen, das dunkle Haar fiel ihm weich in die Stirn und seine toten Augen musterten mich ohne jedes Mitgefühl.
Ich mühte mich, seinen Namen zu erinnern, der mir immer wieder zu entschlüpfen drohte wie ein schöner, exotischer Fisch.
Seine Finger näherten sich meinem Mund, um brutal das Klebeband abzureißen und den Knebel herauszunehmen.
"Lorenzo?!", keuchte ich und schnappte krampfhaft nach Luft.
Der vertraute Schwung seiner Lippen verzog sich zu einer bösen Karikatur des Lächelns, das ich kannte.
"Sie werden lernen, diesen Namen nicht einmal mehr zu denken", flüsterte er an meinem Ohr, während sich seine Hand um meine Kehle schloss.


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Donnerstag, 16. November 2006

Das Farnese-Komplott [146]

Für Autos war immer noch kein Durchkommen, dafür war die Ponte Vittorio Emmanuele voller Pilger auf dem Weg zur città del Vaticano. „Evviva Pietro secondo!” skandierten sie, machten Fotos oder telefonierten lautstark mit den Daheimgebliebenen. Die Stadt summte, als stünde sie unter Strom. Ich bewegte mich im Zickzack, um schneller voranzukommen und warf einen sehnsüchtigen Blick nach oben, wo Helikopter kreisten, um den Luftraum zu überwachen. Bis zur Kapelle der Schweizer Garde, in der ich mich mit Lorenzo in knapp 45 Minuten treffen wollte, war es noch ein gutes Stück Weg. Die ausgelassene Stimmung auf den Straßen unterschied sich deutlich von der Laune, die in Biancas Wohnung geherrscht hatte – offensichtlich war die Prophezeiung des Malachias bei den Touristen und Einwohnern Roms kein Thema.

Zunächst war ich froh gewesen, unter freiem Himmel zu sein und einfach loslaufen zu können, aber je näher ich meinem Ziel kam, desto intensiver begann ich darüber nachzudenken, was ich Lorenzo eigentlich sagen wollte. Spätestens seit seiner Assistenz während des Konklaves und seinem Auftritt auf der Loggia des Petersdoms lag seine wahre Bestimmung für mich auf der Hand. Der neue Papst war ein Farnese, die Verflechtungen dieser Familie und ihre uralte Tradition ließen es schlichtweg nicht zu, dass einer der ihren sich vor der Pflicht davonstahl und einer abseitigen Idee wie der Eröffnung einer Trattoria oder der Niederlegung sämtlicher kirchlicher Ämter nachhing. Mit den Schüssen in Lourdes war eine Ära zu Ende gegangen, weltpolitisch gesehen und auch ganz privat. Ich glaube nicht daran, dass Lorenzo sich den Mechanismen, die seither zu greifen begannen, vollständig entziehen wollte – oder konnte.
Die Kirche San Martino degli Svizzeri duckte sich außerhalb der vatikanischen Mauern im Schatten des Apostolischen Palastes und erglühte im Schein der Abendsonne in einem warmen Terracottarot. Einen kurzen Moment lang befürchtete ich, das Portal sei verschlossen, aber die schwere Holztüre schwang mit einem protestierenden Jaulen auf und entließ mich in das düstere, weihrauchgeschwängerte Innere. Instinktiv strebte ich dem Altar des Sankt Martin zu, vor dem ein paar Dutzend Kerzen in schwarzen, gußeisernen Halterungen brannten und den Fürbitten der Gläubigen Nachdruck verleihen sollten. Ich glitt in eine der unbequemen Bänke und versuchte die Nonne zu ignorieren, die hinter mir halblaut ein Gesätz des Rosenkranzes betete.
„Entschuldigung Signora, ich glaube, Sie warten auf jemanden, der in diesem Leben nicht mehr kommt!“, flüsterte eine vertraute Stimme an meinem Ohr.
„Was-“ Ich hatte mich halb umgedreht und schaute direkt in das Gesicht von Schwester Elisabetha. Ihre Augen waren winzig klein hinter den dicken Brillengläsern und sie blinzelte nicht. Das war die letzte Wahrnehmung, die ich hatte, bevor meine Welt mit einem dumpfen Schlag und einer Explosion von Schmerz hinter meinen Augen zu versinken begann.

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Mittwoch, 15. November 2006

Das Farnese-Komplott [145]

Sobald die Nachricht vom aufsteigenden weißen Rauch die Runde gemacht hatte, kam der Verkehr in Roms Innenstadt vollständig zum erliegen. Die Kameras sämtlicher TV-Sender dieser Erde schwenkten von der Sixtinischen Kapelle zur Mittelloggia des Petersdoms. Immer mehr Menschen strömten auf die Piazza San Pietro, sie schwenkten Fahnen, Transparente, trugen ihre Kinder auf den Schultern und umarmten die diensthabenden Polizisten, die, in gelöster Stimmung aber durchaus wachsam, über den Platz patrouillierten.
Erwartungsvolle Stille breitete sich aus.
Giulia hatte angefangen, an ihrem Daumennagel zu knabbern, Bianca saß mit überkreuzten Beinen völlig regungslos. Ladislav und Francesco hatten sich Zigarillos angesteckt und pafften schweigend vor sich hin.
Endlich betrat eine Gruppe von Klerikern die Loggia, prüfte das Mikrofon und trat schließlich beiseite, um einem einzelnen, hochgewachsenen und dunkelhaarigen Mann Platz zu machen - Lorenzo - der mit fester und klarer Stimme ein Dankgebet intonierte.
"Dass mich der Teufel hole!" Zeno sprang auf und kniete sich vor den Bildschirm. "Lorenzo ist doch kein Kardinalsdiakon! Die haben Ratzinger gewählt, das Habemus papam wäre seine Aufgabe gewesen!"
Bianca hob gebieterisch die Hand. Zeno verstummte unter gemurmeltem Protest.
Sein Freund strich sich derweil mit einer typischen, mir sehr vertrauten Geste die Haare aus der Stirn, holte tief Luft, den Blick auf einen Punkt am Horizont gerichtet und sprach langsam und konzentriert die traditionelle Formel:
"Annuntio vobis gaudium magnum!"
Wieder ein tiefer Atemzug, dann breitete er mit großer Geste die Arme aus. "Habemus papam!"
Im weichen, italienisch gefärbten Latein fuhr er, nachdem sich der Jubel der Menge wieder gelegt hatte, eindringlich fort: "Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum Estefanium Sanctae Romanae Ecclesia Cardinalem Farnese-" Nur ein kurzes Blinzeln verriet seine tiefe Bewegung, während im Hintergrund schon Estefanio die Loggia betrat, gekleidet in ein weißes Gewand, die kostbare Stola mit den Bildnissen von Petrus und Paulus bestickt um die Schultern.
"-qui sibi nomen imposuit - Petrus II.!"
Das Glas, das Bianca umfaßt gehalten hatte, zersprang in tausend Scherben. "Bei allen Hunden der Hölle! Hat der alte Trottel denn völlig den Verstand verloren?"
"Die Prophezeiung des Malachias! Der letzte verheißene Papst!" Ladislav bekreuzigte sich dreimal hintereinander, während Giulia den Kopf in Händen vergrub und leise wimmerte.
"Dann wird die Sieben-Hügel-Stadt zerstört werden und der furchtbare Richter wird sein Volk richten", zitierte Ladislav auf meinen verstörten Blick hin. "Mit Petrus II. endet die Reihe der künftigen Päpste, die Malachias im Jahre 1590 vorhergesagt hat."
Ich suchte hektisch nach einem Taschentuch und wickelte es notdürftig um Biancas zerschnittene Hand.
Von der Loggia des Petersdoms aus spendete Estefanio Kardinal Farnese, nun also Petrus II., der jubelnden Stadt und dem vor die Bildschirme gebannten Erdkreis seinen apostolischen Segen.

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Samstag, 23. September 2006

Das Farnese-Komplott (144)

Am nächsten Tag geschah es, es war ein Mittwoch und die Kardinäle seit zwei Tagen in der Sixtinischen Kapelle eingeschlossen, dass wir uns in trauter Runde vor Biancas Flachbildschirm (von Siemens) einfanden. Soeben war weißer Rauch aufgestiegen, was von dem italienischen Berichterstatter fast schluchzend bestätigt wurde. Giulia, mit angezogenen Beinen und barfuß in einem Sessel kauernd, griff nervös zu ihrer latte macchiato (von segafredo), Bianca und Ladislav schauten einander bedeutungsvoll an.
Francesco Leitmayr zupfte beiläufig ein zwei Fusseln von seiner lässig zerknitterten Leinenhose (Benetton) und Zeno zückte sein Motorola Razr V3-Handy und fotografierte vom Fernseher den aufsteigenden Rauch ab, wahrscheinlich um ihn an Piersanti via MMS (besonders günstige Kontingente bei TIM Italia) zu versenden. Ich nippte gespannt an meinem Ramazotti und nestelte nervös am Kragen meines Dolce & Gabbana Hemdes. Die Wahl der Kardinäle war erfolgreich gewesen, gleichzeitig konnte man beobachten, wie immer mehr Menschen auf den Petersplatz strömten – Fahnen schwenkend, Rosenkränze um die Handgelenke gewickelt, teils mit Schirmen ausgestattet, um sich der Gluthitze (Kachelmann Wetterdienst) zu erwehren. Ich schlug vor, ebenfalls auf den Petersplatz zu gehen, der sich nicht einmal einen Kilometer von Biancas Wohnung befand (laut Google Earth), aber die anderen winkten müde ab (Red Bull verleiht Flügel) – niemand hatte Lust, sich aus der kühlen Wohnung zu bewegen und die Unbequemlichkeiten und das Gedränge auf dem Petersplatz auf sich zu nehmen. Zeno klappte sein Handy mit mürrischem Gesichtsausdruck zu: Offensichtlich war es unmöglich, eine Verbindung zu erhalten – alle Netze bereits überlastet. Bianca glitt mit katzenhaften Schritten zu ihrem Kühlschrank hinüber und öffnete bedächtig eine Flasche Ferrari Spumante.

„Jetzt komm schon, amore“, quengelte ihr Liebhaber, der lässig die Beine auf den gläsernen Couchtisch gelegt hatte, „sie haben Ratzinger gewählt – du hast es doch gesehen, oder?“ Bianca schaute ihn mit rätselhaftem Gesichtsausdruck durch ihre Gleitsichtbrille von Fielmann an und zuckte dann mit den Schultern. Die Stimme des Reporters im TV überschlug sich fast, es war wie bei der Weltmeisterschaft (FIFA Weltmeisterschaft 2006). Ich nestelte eine Pall Mall rosso aus der praktischen Hardbox und bot Zeno eine an. Dankbar griff er zu. Wir schwiegen. Ich war mir nicht ganz sicher, aber trotz ihrer Opposition zu Estefanio wäre Ratzingers Wahl für Bianca und Giulia so etwas wie eine persönliche Niederlage gewesen, nur so ein Gefühl, das mich anflog. Biancas Gesichtsausdruck blieb undeutbar. Auf eine grimmige Art und Weise schien sie zufrieden – und ich war mir sicher, dass sie wusste, wer in wenigen Minuten auf der Loggia des Apostolischen Palastes erscheinen und den Urbi-et-Orbi-Segen sprechen würde. Unten auf den Straßen wurden bereits Böller entzündet –Ladislav zappte geschwind durch die internationalen news channels: In allen Sprachen dieser Welt die gleiche, fast atemlose vorgetragene Nachricht: Der Rauch ist weiß! Die Kardinäle haben gewählt!

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Mittwoch, 30. August 2006

Das Farnese-Komplott (143)

„Ich rufe wegen den Emails an, sind Sie zurecht gekommen?“, fragte ich sachlich und kippte mit zitternden Fingern den Rest Cognac, um mir sofort wieder nachzuschenken, während Lorenzo zu einem wort- und, wie ich vermutete, gestenreichen Klagegesang anhob. „Überhaupt nicht. Ich habe es vorgestern fertig gebracht, Spaghetti anbrennen zu lassen! Der Leiter des Metropolitan Museum of Art hat mich als revisionistischen Dogmatiker bezeichnet und il tedesco Francesco Leitmayr wiegelt Giulia gegen mich auf. Rogler hat mir einen Sudoku-Band geschenkt, weil er dachte, ich müsse mich mal wieder entspannen. Estefanio beginnt zu lachen, wenn er mich nur von weitem sieht. Oberst Seltzmann hat mir nahe gelegt, eine kugelsichere Weste zu tragen, weil er sonst nicht mehr für meine Sicherheit garantieren kann und jeden Abend sitzt irgendeine Krücke von Kardinal bei mir herum und macht Stimmung für oder gegen Estefanio. Michele ruft mich am Tag drei Mal an, um mich an meine Sohnespflichten zu erinnern und mir vorzuheulen, was für eine große Ehre es bedeutet und wie stolz er darauf ist, dass ich morgen in der Sixtinischen Kapelle assistieren werde. Zwei Farnese im Konklave, davon einer papabile, das habe es seit dreihundert Jahren nicht mehr gegeben, ich solle das nicht vergessen. Weshalb er heute auch noch eine ausführliche Mail zu dem Thema schickte und anschließend zum vierten Mal anrief, um mich zu fragen, ob ich sie auch erhalten habe. Der vatikanische Supermarkt hat geschlossen für die Dauer der Wahl und ich ernähre mich seit gestern von pappigen tramezzini mit undefinierbarem Belag und piadina mit altem Käse. Ansonsten - danke der Nachfrage.“
Ich hatte atemlos gelauscht. „Sind Sie betrunken?“
„Nein. Nun, vielleicht ein klitzekleines bisschen. Und Sie?“
„Kein Gedanke. Es war heiß, es gab Champagner, aber das verliert sich ja bei diesen Temperaturen. Gut, Ladislav, ich soll Sie von ihm grüßen, hatte Cognac mitgebracht, der ist jetzt-", ich hielt die Flasche gegen das Licht, „auch schon leer. Das wird morgen sicher ein anstrengender Tag für Sie. Ich wollte mich nur kurz melden und eh, wenn alles soweit in Ordnung ist – ist es doch? Ja, dann, ich will Ihnen nicht den Nachtschlaf rauben.“
Lorenzo räusperte sich.
„Den Löwenanteil an der Beute haben Sie bereits“, sagte er leise.
„Unsinn. Ich an Ihrer Stelle fände auch keine Ruhe mehr nach all diesen schrecklichen Ereignissen, das ist doch ganz normal. Trinken Sie noch einen Grappa! Wie geht es Ihrem Arm?“
„Oh, es ist ein Farnese-Arm – wichtig ist, dass er funktioniert, egal wie es ihm geht!“, antwortete er mit einem bitteren Unterton.
„Sie sind kindisch. Die meisten Mitglieder Ihrer Familie sind sehr herzliche und gefühlvolle Menschen und – vielleicht auf manchmal etwas merkwürdige Art und Weise -, um Ihr Wohlergehen besorgt“, versetzte ich.
Zu meiner Überraschung hörte ich, wie er auflachte: „Ich weiß genau, wie Sie jetzt aussehen. Sie haben diese Falte über der Nasenwurzel, den einen Arm in die Hüfte gestemmt und schürzen tadelnd die Lippen.“
Ich stimmte nach einem kurzen Moment der Irritation in sein Lachen ein.
„Sie – haben mir gefehlt“, hörte ich ihn sagen. „Während der Wahl darf ich niemanden anrufen und danach werden die Netze völlig zusammen brechen, deshalb – egal an welchem Tag der neue Papst ausgerufen wird, ich werde am Abend gegen 20 Uhr in der Kapelle der Schweizer Garde auf Sie warten, jenseits der vatikanischen Mauer, direkt hinter dem Apostolischen Palast, fragen Sie Bianca nach dem Weg, ich kann es kaum er-“
Ein Rauschen, ein Klicken, dann war die Leitung tot. Obwohl ich es noch mehrmals versuchte, kam ich nicht mehr durch.
Vielleicht hatten sie alle Verbindungen wegen des Konklaves gekappt, überlegte ich. Nachdenklich stellte ich das Telefon zurück in die Station, besann mich anders und wählte aus einer Eingebung heraus Estefanios vatikanische Nummer. Sie war frei und ich legte nach dem ersten Klingelton sofort wieder auf. Doch keine Generalmaßnahme wegen der Wahl.
Ich schlang mir die Arme um den Leib und trat auf die Terrasse hinaus, einerseits glücklich über den Verlauf des Gesprächs und andererseits – mit einem zutiefst unguten Gefühl.

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Samstag, 5. August 2006

Das Farnese-Komplott (142)

Bianca verschränkte entspannt die Arme im Nacken und streifte mich mit einem Blick aus halb gesenkten Lidern.
Ladislav war aufgestanden und an die Brüstung der Terrasse getreten. Wir schwiegen, während die Grillen zögernd wieder einsetzten. Ich zündete mir eine Zigarette an und inhalierte, bis meine Lungenspitzen schmerzten.
„Die Liebe siegt wohl immer in diesen alten Märchen“, hörte ich mich sagen, während ich nachdrücklich mit der Zigarette in den Aschenbecher schnickte und gleich wieder einen tiefen Zug nahm. Ladislavs Gesicht war im Schatten. Bianca erwiderte nichts. Der Champagner ging eine ungute Allianz mit dem georgischen Cognac ein, weniger in meinem Magen, als in meinem Hirn. „Nur, dass ich nicht Tara Emahar bin und auch nicht im Besitz der Worte!“, ergänzte ich in einem Anflug von Streitlust.
„Nein, natürlich nicht!“, sagte Ladislav und kam mit langen Schritten auf mich zu. Er stützte sich auf die Armlehne meines Sessels und beugte sich zu mir herunter.
„Sie sind Alejandro, dem niemand helfen kann bis nicht sein eigener Sarg herein getragen wird. Sie ziehen es vor, taub zu werden, anstatt ihr Herz zu öffnen für das Wunder, das sich vor ihren Augen abspielt. Sie gehen heim und drehen das Gesicht zur Wand, anstatt aufzustehen und zu leben. Nein, Sie sind nicht Tara Emahar, aber ich dachte schon, dass Sie zumindest über die Fähigkeiten verfügen, die nötig sind, diese Geschichte auch wirklich zu verstehen!“ Er richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf und mir wurde noch elender zumute.
„Ich weiß jetzt“, fuhr er unerbittlich fort, „warum Sophia so leichtes Spiel mit Ihnen hat. Sie fürchten sich vor ihr, vor dem Teil Ihres Wesens, der Sophia heißt – und darum würden Sie nie Ihr Herz, Ihren Mut und Ihren Stolz preisgeben, um der Liebe eines anderen willen. Deshalb sind Sie hier.“ Bianca machte eine scharfe Handbewegung und Ladislav verstummte. Die beiden verstanden sich ganz und gar ohne Worte, und offenbar hatten sie sich gegen mich verschworen.
„Die Dinge lägen anders, das können Sie mir glauben, wenn Lorenzo nicht der wäre, der er ist“, gab ich nach außen hin ungerührt zur Antwort.
Bianca packte mich an beiden Schultern und drehte mich zu sich. „Wenn Lorenzo nicht der wäre, der er ist“, wiederholte sie langsam, als spräche sie mit einer Imbezilen, „dann wäre das alles nicht passiert, carissima. Verstehst du? Du musst nichts tun, nichts lassen, nichts forcieren, keine Gelübde brechen, keine neuen aufstellen.“
„Aber ich stelle doch keine neuen-“
„Tust du nicht? Deshalb hast du auch dein Handy in den Tiber geworfen, nicht wahr?“ Bianca nippte an ihrem Glas und schaute mich über den Rand hinweg unverwandt an.
„Ich gebe zu, das war impulsiv und eigentlich-“
„Es war in diesem Moment völlig in Ordnung für Sie“, schaltete sich Ladislav wieder ein. „Aber jetzt ist ein anderer Moment, und Sie fühlen sich nicht mehr wohl mit Ihrer Entscheidung.“ Er hob Biancas schnurloses Telefon aus der Schale und checkte die eingegangenen Rufe. „Lorenzo hat in den letzten 8 Stunden fünf Mal angerufen. Na schön. Ich betätige jetzt die Rückruftaste und gebe Ihnen den Hörer. Bianca und ich werden uns zurück ziehen. Es ist noch ein Rest Cognac in der Flasche, ich bin Ihnen nicht böse, wenn Sie ihm den Garaus machen. Sie sind dran.“ Er schenkte mir ein jungenhaftes Lächeln, drückte mir das Telefon in die Hand und verließ lachend, mit Tante Bianca huckepack auf seinen Schultern, die Dachterrasse in Richtung Schlafzimmer.
Bevor ich überlegen konnte, ob ich nicht schleunigst wieder auflegen sollte, meldete sich schon die wohlvertraute, langvermisste dunkle Stimme von Lorenzo.

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Freitag, 4. August 2006

Das Farnese-Komplott (141)

Wann immer ich in der Nähe von Granada bin, besuche ich meinen Freund Jokub, der in einer Höhlenwohnung im Zigeunerviertel El Sacromonte lebt. In El Sacromonte kursieren viele Lügengeschichten, Märchen, Sagen und Legenden und Jokub kennt sie alle. Meine Lieblingsgeschichte, die ich immer wieder von ihm hören will, ist die von Tara Emahar, deren Mutter, Proserpina, noch in der Nacht ihrer Niederkunft die uralte zambra tanzte, in einer der Höhlen, die sich zur Alhambra hin öffnen. Proserpinas Mann, der Sargmacher von El Sacromonte, hatte auf seine eigene Art vorgesorgt und zwei Särge gezimmert, einen großen und einen winzigen. Dann ging er in die nächste Kneipe und kehrte erst zurück, als Tara ihren ersten Schrei tat. Der kleine Sarg war ihr Geburtstagsgeschenk und den großen konnte er nachher an den Bürgermeister verkaufen, dessen Frau ebenfalls im Kindbett gelegen hatte, aber nicht mehr aufgestanden war. Nachdem er seine Tochter und einziges Kind gesegnet hatte, ging er schnurstracks wieder zum Wirt zurück, um sich von den Anstrengungen der letzten Tage zu erholen.
Taras Mutter stand alsbald vom Kindbett wieder auf, denn die Zigeunerhochzeit, auf der sie getanzt hatte, ging über drei Tage, und so blieb Tara mitsamt ihrer Wiege und dem kleinen Sarg, den der umsichtige Vater daneben platziert hatte, in der Obhut ihrer Großtante Serena und deren bester Freundin, einer Zigeunerin.
Die schüttelte nach zwei Gläsern Brandy den Kopf und verscheuchte die Wolken von Glühwürmchen, die nachts über Taras Wiege kreisten. Die Zigeunerin segnete das Kind, ließ sich schwer in den Sessel fallen und zündete sich eine Zigarre an. Schließlich seufzte sie tief und erklärte Serena, dass die kleine Tara im Besitz der Worte sei.
„Welcher Worte?“, fragte Serena irritiert, denn Tara lag friedlich da und gluckerte ab und an nach Art der Babies.
„Aller Worte, die es je gegeben hat und je geben wird“, entgegnete ihre Freundin und sog behaglich an ihrer Zigarre.
Serena blickte unsicher auf das von den Glühwürmchen beleuchtete Gesichtchen ihres Schützlings. „Aber was ist mit Männern? Wird sie schön werden? Einen reichen Mann heiraten? Viele Söhne bekommen?“ Sie schenkte erwartungsvoll Brandy nach.
“Tara wird jeden Mann haben können, den sie möchte, und von jedem Mann einen Sohn, wenn sie möchte. Sie ist im Besitz der Worte und dies vermag mehr auszurichten als alles andere in den Herzen der Menschen.“
Jetzt war es an Serena, tief aufzuseufzen. Was für eine Prophezeiung!
„Was seufzt du? Ihre Worte werden sein wie der Tanz, den ihre Mutter mit Hibiskusblüten im Haar tanzt und sie werden sein wie die Särge, die ihr Vater an nebligen Montagen zimmert. Nicht alle Menschen werden ihre Worte verstehen, weil nicht alle Menschen eine Seele haben.“
Hier schnäuzte sich die Zigeunerin kräftig und Serena beeilte sich, ihr ein Taschentuch anzubieten. „Nimm die Kleine, die ebenfalls vor ein paar Tagen geboren wurde, die Tochter des Bürgermeisters.“
„Was ist mit ihr?“, wollte Serena wissen.
„Sie liegt in einer Wiege aus Ebenholz, drei Ammen sind bestellt und ihr Vater geht schon wieder auf Brautschau, kaum, dass der Leib ihrer Mutter kalt geworden ist. Die Tochter des Bürgermeisters hat keine Worte. Sie hat keine Ohren, um zu hören und kein Herz, um zu verstehen – manche werden so geboren.“
Serena lachte und winkte ab. „Bah! Du und ich, wir wissen, dass es Schlimmeres auf dieser Welt gibt!“ Aber ihre Freundin stimmte nicht mit ein.
Tara lag in ihrer Wiege und träumte, es regne Mandelblüten, es dufte nach Honigmilch und es fächle ihr ein Pfau mit seinen Perlmuttfedern Luft zu.

Großtante Serena wartete in all den Jahren auf die Worte, die die Zigeunerin angekündigt hatte.
Doch Tara sprach nicht. Statt dessen bemalte sie ihren kleinen Sarg mit Blumen und Fischen und Schmetterlingen. Wenn sie etwas sagte, war es unverständlich - so als höre man dem Dorfdeppen zu, wenn er speichelblasenwerfend vor sich hin brabbelte.
An diesem Maßstab gemessen entwickelte sich Lucia, des Bürgermeisters Tocher, allerdings prächtig. Sie redete ohne Unterlass. Am liebsten über Dinge, die besser ungesagt geblieben wären. Als sei ein maurischer Dschinn in sie gefahren, plapperte sie den lieben langen Tag. Es war ohrenbetäubend.
Tara Emahar dagegen tanzte mit den Fischen.
Alejandro, dem Sohn des Notars, dröhnte der Kopf von Lucias Versuchen, sein Herz herbeizureden. Ihre beiden Familien betrachteten diese Verbindung mit Wohlwollen. Er für seinen Teil wollte das Beste aus der Verlobung machen, die in Kürze bekannt gegeben werden sollte, allerdings hoffte er inständig, in der Zwischenzeit zu ertauben.
Für einen Moment war er sogar davon überzeugt, dass dieses Ereignis bereits eingetreten sei, denn er sah Tara Emahar durchs nächtliche Granada dahin gleiten, die umgebende Luft wie Meereswasser, ihr Schritt ein Tanz mit einem Schwarm unsichtbarer Fische. Alejandro hielt den Atem an und hüpfte auf einem Bein mit schief gelegtem Kopf. Aber er hatte gar kein Wasser in den Ohren, er schaute nur Tara Emahar, die Dichterin, wie sie die Straße hinauf zu El Sacromonte ging - und sie schaute ihn.

Zu Hause angekommen legte er sich ins Bett, drehte sein Gesicht zur Wand und kündigte an, nie wieder aufzustehen.
Der Bader kam und ließ ihn zur Ader, der Priester kam und nahm ihm die Beichte ab, Lucia kam und drückte seine kalte Hand, doch niemand konnte Alejandro wieder herstellen. Schließlich gab seine besorgte Familie einen Sarg bei Senor Emahar in Auftrag.
Taras Vater jedoch hatte eigene Sorgen. Seit einigen Tagen schlich sich seine Tochter in die Werkstatt und bedeckte die Wände, die Arbeitsfläche, die Fenster, die Holzplatten, selbst die vorbestellten Särge mit ihren Gedichten über Alejandro, so dass er dem gramzerfurchten Notar schließlich einen Sarg präsentieren musste, dessen Wände, Boden und Deckel über und über mit Lobpreisungen und Huldigungen von Alejandros Haar, Alejandros Augenbrauen, Alejandros regenwolkenfarbenen Augen und Alejandros Körper bedeckt waren.

Der Notar geriet außer sich, Alejandro jedoch wurde auf der Stelle wieder gesund, als er den für ihn bestimmten Sarg sah. Niemand anders als Tara Emahar hatte diese Verse verfasst, soviel war klar, und wie er für sie Mond und Gestirne war, so war sie für ihn Wermut und Süßkirsche, Bittermandel und Orangenblüte.
Sie gingen zusammen fort und zeugten ein großes Geschlecht von Sängern und Dichtern. Ihre Nachkommen sind heute über die ganze Erde verstreut.

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