In 30 Tagen (XII)
Prag, 1996
Das Gute war, dass ich zufälligerweise Martin Comenius kannte: ein Deutscher, der kurz nach der Wende zum gefragtesten Mann Prags aufgestiegen war - mithilfe einer lukrativen Consulting-Firma, die bevorzugt barocke Prachtbauten auf der Kleinseite über tschechische Strohleute an deutsche oder auch amerikanische Botschaftsangehörige für einen Apfel und ein Ei verhökerte. Das Schlechte, dass ich nicht wusste, ob er überhaupt noch im Geschäft war und immer noch über so außerordentlich gute Beziehungen verfügte. Mit Sicherheit aber würde er nach wie vor jeden Tag Schlag Halb Sieben am Abend im Goldenen Tiger auftauchen, um drei Halbe zu trinken, wie immer, wenn er sich in der Stadt aufhielt. Und weil ich etwas Entspannung nach den schlimmen Ereignissen in Florenz brauchte, ließ ich es mir auch nicht nehmen, zunächst gemütlich über die Karlsbrücke zu schlendern und dann wieder umzukehren, um von der Karlova rechterhand in die kleine Straße abzubiegen, in der sich die Kneipe befand, in der schon Bohumil Hrabal, Vaclav Havel und Bill Clinton ihr Bierchen getrunken hatten.
Für gewöhnlich hielt man den kleinen Tisch rechts hinten für ihn frei, sämtliche Tische weiter vorne waren voll besetzt. Grinsend bemerkte ich, dass die Kafka-T-Shirts, die zu meiner Zeit modern gewesen waren, bei den Touristen nicht mehr ganz so gut ankamen. Der Kellner stellte unaufgefordert einen halben Liter Helles vor mich hin, ich wischte mir den Schaum von den Lippen.
Mein Incentive-Monat näherte sich langsam dem Ende und ich hatte keinen blassen Schimmer, wo - und vor allem wann - ich mein Bonusleben eigentlich fortführen wollte. Florenz war gut und schön, Lorenzo de' Medici ein aufregender Mann, aber es gab ein paar Dinge, die ich stark vermisste. Darunter zum Beispiel ein schönes Bier. Zahnpasta. Überhaupt, Deodorant und Kopfschmerztabletten. Fürs erste aber galt meine Sorge Lorenzos Handschrift, die ich um jeden Preis wiederbeschaffen musste. Ich hätte mich natürlich auch exakt zwei Tage vor Diebstahl des Manuskriptes auf den Cook-Inseln materialisieren und so dem Dieb einfach zuvorkommen können. Leider war Casarottis System nicht allzu punktgenau. Es gab Probleme bei der Justierung. Generell kam ich immer nur in einem bestimmten Monat und Jahr irgendwo an, einen bestimmten Tag zu treffen gelang nie. Und da Casarottis Inkarnationen ja so eine niedrige Fehlerquote hatten, ging ich davon aus, dass er diesen Fehler auch gar nicht beheben wollte. Keine Zeit, keine Ressourcen, kein Personal. Klar.
Ich nahm noch einen tiefen Zug aus meinem Glas und als ich wieder aufschaute, stand vor mir, hager, sommersprossig und rothaarig, Martin Comenius, der kurz zur Salzsäule erstarrte, sich dann wieder fasste und mich ungestüm empor riss, um mir um den Hals zu fallen.
"Elsa! Ich dachte du wärst TOT!", rief er mit seiner kieksigen Stimme und hielt mich ein Stück weit von sich, um mich zu betrachten.
"Ja, eh, das dachte ich auch, aber wie du siehst ... Es geht mir blendend."
"Tatsächlich. Du trägst ein atemberaubendes Kleid! Exzentrisch, aber atemberaubend! Früher bist du doch immer nur in Jeans herumgelaufen, was ist passiert?"
Ich winkte ab. Früher hatte ich ja auch nicht beim Hofschneider der Medici arbeiten lassen.
"Lange Geschichte. Das ist ja perfekt, dass ich dich hier treffe!"
Martin warf seine Ausgabe der Literarni Noviny auf den Tisch, legte sorgfältig sein Handy daneben und hängte sein Jackett über die Stuhllehne, bevor er sich hinsetzte. Der Kellner war bereits geflitzt und hatte ihm ein Bier hingestellt, wir orderten noch zwei Becherovka.
"Was machen die Geschäfte?", wollte ich wissen.
"Hervorragend wie eh und je. Alle wollen eine Immobilie in Prag, die Preise sind zwar explodiert, aber das ist noch kein Vergleich zu dem was kommt, wenn Tschechien Teil der EU wird. Meine Rente ist jedenfalls gesichert", grinste er breit und ließ seine gelb verfärbten Zähne sehen. "Du bist aber nicht hier, um dich nach der Firma zu erkundigen", fügte er hinzu.
"Nein, in der Tat nicht. Ich habe ein kleines Problem, es geht um eine Handschrift aus der italienischen Renaissance, ein unersetzliches Original, ich war damit bei D'Arbanville ...", erklärte ich. Martin hob die Augenbrauen. "Auf den Cook Inseln? Ein alter Traum von mir!", schwärmte er. Sein Handy klingelte und er meldete sich unwirsch auf Tschechisch, horchte eine Zeitlang schweigend und beschied dann, er rufe unverzüglich zurück.
"Vielleicht tauscht D'Arbanville ja seine Hütte am Muri Beach gegen dein Palais unterm Hradschin? Ihr könntet euch abwechseln, jeder ein halbes Jahr hier und der andere dort", schlug ich vor.
"Meinst du? Könntest du das vorbringen? Ich würde dir eine kleine Provision zahlen! Bist du überhaupt noch im Geschäft?"
"Hm, ich arbeite zur Zeit in einer italienischen - Kanzlei."
"Das klingt furchtbar langweilig", lachte er.
"Naja, eh. Das ist es wohl auch. Aber mein Chef ist alles andere als langweilig", erwiderte ich vage.
"Verstehe!", er zwinkerte. "Und dein Chef ist wohl Sammler alter Handschriften?"
Er hatte es, tatsächlich, recht gut getroffen. Wir kippten den Becherovka auf einen Zug hinunter.
"Ich brauche deine Hilfe. Irgendwo in Prag ist eine Handschrift Lorenzos des Prächtigen aufgetaucht, ich will wissen, wer sie anbietet. Und wo du dabei bist, mein Chef interessiert sich sehr für antike griechische Originalschriften, also wenn dir eine unterkommt, er wird sich sicherlich erkenntlich zeigen." Ich sah in bedeutsam über mein Glas hinweg an.
Martin rieb sich das Kinn.
"Ich denke, dass ich dir weiterhelfen kann. Bestimmt sogar!"
In 30 Tagen XI
Das Gute war, dass ich zufälligerweise Martin Comenius kannte: ein Deutscher, der kurz nach der Wende zum gefragtesten Mann Prags aufgestiegen war - mithilfe einer lukrativen Consulting-Firma, die bevorzugt barocke Prachtbauten auf der Kleinseite über tschechische Strohleute an deutsche oder auch amerikanische Botschaftsangehörige für einen Apfel und ein Ei verhökerte. Das Schlechte, dass ich nicht wusste, ob er überhaupt noch im Geschäft war und immer noch über so außerordentlich gute Beziehungen verfügte. Mit Sicherheit aber würde er nach wie vor jeden Tag Schlag Halb Sieben am Abend im Goldenen Tiger auftauchen, um drei Halbe zu trinken, wie immer, wenn er sich in der Stadt aufhielt. Und weil ich etwas Entspannung nach den schlimmen Ereignissen in Florenz brauchte, ließ ich es mir auch nicht nehmen, zunächst gemütlich über die Karlsbrücke zu schlendern und dann wieder umzukehren, um von der Karlova rechterhand in die kleine Straße abzubiegen, in der sich die Kneipe befand, in der schon Bohumil Hrabal, Vaclav Havel und Bill Clinton ihr Bierchen getrunken hatten.
Für gewöhnlich hielt man den kleinen Tisch rechts hinten für ihn frei, sämtliche Tische weiter vorne waren voll besetzt. Grinsend bemerkte ich, dass die Kafka-T-Shirts, die zu meiner Zeit modern gewesen waren, bei den Touristen nicht mehr ganz so gut ankamen. Der Kellner stellte unaufgefordert einen halben Liter Helles vor mich hin, ich wischte mir den Schaum von den Lippen.
Mein Incentive-Monat näherte sich langsam dem Ende und ich hatte keinen blassen Schimmer, wo - und vor allem wann - ich mein Bonusleben eigentlich fortführen wollte. Florenz war gut und schön, Lorenzo de' Medici ein aufregender Mann, aber es gab ein paar Dinge, die ich stark vermisste. Darunter zum Beispiel ein schönes Bier. Zahnpasta. Überhaupt, Deodorant und Kopfschmerztabletten. Fürs erste aber galt meine Sorge Lorenzos Handschrift, die ich um jeden Preis wiederbeschaffen musste. Ich hätte mich natürlich auch exakt zwei Tage vor Diebstahl des Manuskriptes auf den Cook-Inseln materialisieren und so dem Dieb einfach zuvorkommen können. Leider war Casarottis System nicht allzu punktgenau. Es gab Probleme bei der Justierung. Generell kam ich immer nur in einem bestimmten Monat und Jahr irgendwo an, einen bestimmten Tag zu treffen gelang nie. Und da Casarottis Inkarnationen ja so eine niedrige Fehlerquote hatten, ging ich davon aus, dass er diesen Fehler auch gar nicht beheben wollte. Keine Zeit, keine Ressourcen, kein Personal. Klar.
Ich nahm noch einen tiefen Zug aus meinem Glas und als ich wieder aufschaute, stand vor mir, hager, sommersprossig und rothaarig, Martin Comenius, der kurz zur Salzsäule erstarrte, sich dann wieder fasste und mich ungestüm empor riss, um mir um den Hals zu fallen.
"Elsa! Ich dachte du wärst TOT!", rief er mit seiner kieksigen Stimme und hielt mich ein Stück weit von sich, um mich zu betrachten.
"Ja, eh, das dachte ich auch, aber wie du siehst ... Es geht mir blendend."
"Tatsächlich. Du trägst ein atemberaubendes Kleid! Exzentrisch, aber atemberaubend! Früher bist du doch immer nur in Jeans herumgelaufen, was ist passiert?"
Ich winkte ab. Früher hatte ich ja auch nicht beim Hofschneider der Medici arbeiten lassen.
"Lange Geschichte. Das ist ja perfekt, dass ich dich hier treffe!"
Martin warf seine Ausgabe der Literarni Noviny auf den Tisch, legte sorgfältig sein Handy daneben und hängte sein Jackett über die Stuhllehne, bevor er sich hinsetzte. Der Kellner war bereits geflitzt und hatte ihm ein Bier hingestellt, wir orderten noch zwei Becherovka.
"Was machen die Geschäfte?", wollte ich wissen.
"Hervorragend wie eh und je. Alle wollen eine Immobilie in Prag, die Preise sind zwar explodiert, aber das ist noch kein Vergleich zu dem was kommt, wenn Tschechien Teil der EU wird. Meine Rente ist jedenfalls gesichert", grinste er breit und ließ seine gelb verfärbten Zähne sehen. "Du bist aber nicht hier, um dich nach der Firma zu erkundigen", fügte er hinzu.
"Nein, in der Tat nicht. Ich habe ein kleines Problem, es geht um eine Handschrift aus der italienischen Renaissance, ein unersetzliches Original, ich war damit bei D'Arbanville ...", erklärte ich. Martin hob die Augenbrauen. "Auf den Cook Inseln? Ein alter Traum von mir!", schwärmte er. Sein Handy klingelte und er meldete sich unwirsch auf Tschechisch, horchte eine Zeitlang schweigend und beschied dann, er rufe unverzüglich zurück.
"Vielleicht tauscht D'Arbanville ja seine Hütte am Muri Beach gegen dein Palais unterm Hradschin? Ihr könntet euch abwechseln, jeder ein halbes Jahr hier und der andere dort", schlug ich vor.
"Meinst du? Könntest du das vorbringen? Ich würde dir eine kleine Provision zahlen! Bist du überhaupt noch im Geschäft?"
"Hm, ich arbeite zur Zeit in einer italienischen - Kanzlei."
"Das klingt furchtbar langweilig", lachte er.
"Naja, eh. Das ist es wohl auch. Aber mein Chef ist alles andere als langweilig", erwiderte ich vage.
"Verstehe!", er zwinkerte. "Und dein Chef ist wohl Sammler alter Handschriften?"
Er hatte es, tatsächlich, recht gut getroffen. Wir kippten den Becherovka auf einen Zug hinunter.
"Ich brauche deine Hilfe. Irgendwo in Prag ist eine Handschrift Lorenzos des Prächtigen aufgetaucht, ich will wissen, wer sie anbietet. Und wo du dabei bist, mein Chef interessiert sich sehr für antike griechische Originalschriften, also wenn dir eine unterkommt, er wird sich sicherlich erkenntlich zeigen." Ich sah in bedeutsam über mein Glas hinweg an.
Martin rieb sich das Kinn.
"Ich denke, dass ich dir weiterhelfen kann. Bestimmt sogar!"
In 30 Tagen XI
ElsaLaska - 21. Mai, 23:41