Vatican-Magazin 10-2026
Seit einiger Zeit schreibt Guido Horst den monatlichen Offenen Brief auf Seite 8, also gleich auf den ersten Seiten jedes Hefts.
In diesem Monat schreibt er an Pater Jacques Hamel. Der greise, 86jährige Pater wurde am Altar seiner Kirche in Rouen von satanischen zwei fehlgeleiteten jungen Muslimen enthauptet. (Ja, was für eine Heldentat. In das Paradies, in dem ihr wegen so einer Sauerei landet, will ich erst gar nicht rein. Die Chronistin ist merklich verstimmt, aber sie wollte dennoch einen würdigenden Eintrag hier schreiben.)
Tatzeugin war seine Schwester Roseline, die als echte Christin die Mutter einer der beiden Meuchelmörder kennenlernen wollte. Der Austausch war fruchtbar und für beide Frauen tröstlich, weshalb der Journalist Samuel Lieven ein Buch über Roseline und Nassera Kermiche geschrieben hat, das unter dem Titel "Schwestern der Versöhnung" im fe-Medienverlag erschienen ist.
Guido Horst wiederum hat die zwei Frauen, auf dem jährlichen Meeting von Comunione e Liberazione in Rimini erlebt, wo sie gemeinsam Zeugnis ablegten, dass Frieden, Versöhnung und sogar Freundschaft immer möglich sind. Es hat ihn über die Maßen beeindruckt - dennoch richtet er seinen Brief nicht an Roseline, sondern an den Märtyrerpriester Hamel.
Was mich nun an der ganzen berührenden Geschichte am meisten freut, ist, dass das Brevier des seligen Paters (ich greife dem Abschluss des Seligsprechungsverfahrens (das Dossier dazu soll 11.500 Seiten umfassen, also einfach mal vor), das Brevier also liegt nun auf dem Altar der Märtyrer der Neuzeit in der Kirche San Bartolomeo all'Isola auf der Tiberinsel in Rom. Ich habe über diese äußerst eindrückliche römische Kirche, die den Märtyrern der Neuzeit gewidmet ist, im Sommerdoppelheft des Vatican-Magazins einen Artikel in der Rubrik Heiligtum der besonderen Art geschrieben.
Er ist so aktuell wie schon vor 10 Jahren und wird es bleiben, weshalb ich ihn hier einfüge.
Gewidmet den Märtyrern des 20. und 21. Jahrhunderts – San Bartolomeo all’Isola in Rom
von Barbara Wenz
In dieser finsteren Nacht der Welt, umgeben von Unbarmherzigkeit im Westen gegenüber Ungeborenen, Alten und Sterbenden und von Gnadenlosigkeit im Nahen Osten unter einem Kalifat des Gräuels, ist es für manchen oft sehr schwer, einen Lichtschein am Firmament zu erblicken. Dabei hängt in Wahrheit über uns als ein glühendes Spektakel, wie ein Vorhang, der Vorhang vor dem Allerheiligsten Gottes. Eine wogende aurora borealis, die sich hebt und senkt und wallend unsere Welt mit dem Feuer der Liebe und dem Ganzopfer der Hingabe des eigenen Lebens mit Purpur durchsträhnt. Wir müssen nur hinschauen, nach oben, inmitten der Dunkelheit, die uns umgibt, und unsere Augen weit aufreißen, dann können wir es lodern sehen.
Sein santuario hat es auf Roms Tiberinsel gefunden, seit alters her ein Ort der Heilung und Heiligung: Wo heute die vor über tausend Jahren erbaute Kirche San Bartolomeo mit dazugehörigem Kloster steht, befand sich einst ein Äskulaptempel mit Hospiz. Neben dem Eingang zur Kirche findet sich der Eingang zum jüdischen Kinderkrankenhaus, was die Präsenz von bewaffneten Frauen und Männern in Uniform erklärt. Auch die „Barmherzigen Brüder“, die „Fatebenefratelli“ führen hier auf der Tiberinsel ein Krankenhaus, auf der gegenüberliegenden Seite des Kirchplatzes mit dem ebenfalls aus dem Jahre 1000 stammenden Marmorbrunnen.
San Bartolomeo wird von der geistlichen Gemeinschaft Sant’Egidio betreut und ist heute, genauer seit dem Jahre 2002 ein echtes Heiligtum der besonderen Art: Sie ist dem Andenken an Märtyrer des 20. und 21. Jahrhunderts gewidmet und versammelt so viele Reliquienschätze an einem einzigen Ort wie vermutlich keine andere Kirche der Welt. Alles ging auf eine Idee des seligen Johannes-Paul II. aus dem Jahre 1999 zurück – anlässlich des bevorstehenden Heiligen Jahres ließ er eine Kommission für die „neuen Märtyrer“ einrichten, die das Blutzeugnis der Christen im 20. Jahrhundert dokumentieren sollte. Das Team nahm seine Arbeit in den Gebäuden der zu San Bartolomeo gehörenden Klosteranlage auf und trug im Laufe seiner Tätigkeit rund 12.000 Dossiers und unzählige Materialien wie Briefe, Stolen, Gebetbücher oder andere persönliche Gegenstände zusammen.
Am 12. Oktober 2002 wurde San Bartolomeo feierlich zur Gedenkstätte für die neuen Märtyrer proklamiert, wodurch Papst Johannes-Paul II. einmal mehr sein feines Gespür für historische Zusammenhänge bewies: Denn die Gebeine des heiligen Bartholomäus, einem Apostel Jesu, der von vielen Forschern auch als „Nathanael von Kana“, einem ehemaligen Jünger Johannes des Täufers identifiziert wird, liegen in einem Sarkophag unter dem Hauptaltar. Die Kopfreliquie gelangte zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert nach Deutschland und wird im Bartholomäusdom zu Frankfurt aufbewahrt, in dem lange Zeit die römisch-deutsche Kaiser und deutschen Könige gekrönt wurden.
Nathanael, den sie als Apostel Bartholomäus nannten, ging nach dem Pfingstereignis auf Missionsreise nach Ägypten, Indien und Armenien, wo er auch das Martyrium erlitt: Ihm wurde für die Zerstörung der dort verehrten Götzenbilder von einem Bruder des Königs bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen, danach ans Kreuz geheftet oder auch, in einer anderen Fassung der Überlieferung, enthauptet. Dieses Geschehen solle sich im antiken Edessa, dem Urfa der modernen Türkei zugetragen haben, einer Stadt, die sich heute direkt an der Grenze zum Blutmolochreich des Islamischen Kalifats befindet.
Auf dem Hauptaltar befindet sich seit der Proklamation als Heiligtum für die neuen Märtyrer eine große, beeindruckende Ikone zu diesem Thema: Über dem ganzen Geschehen thront Jesus Christus, umgeben von Heerscharen von Engeln und Heiligen. Auf der sichelförmigen Wolke darunter stehen die Worte „Durch die große Bedrängnis hindurch“, darunter findet sich eine Kathedrale, gekrönt von Stacheldrahtzäunen, die ein Konzentrationslager symbolisiert, stellvertretend für die drei großen christlichen Konfessionen sind abgebildet der Lutheraner Dietrich Bonhoeffer, der einstige Patriarch von Moskau, Tichon, und der Dominikaner Giuseppe Girotti, der in Dachau ermordet wurde.
Des Weiteren sieht man auf der rechten Seite einstürzende Gebäude und Erschießungskommandos, die an den Völkermord an den Armeniern und das Leid der Christen in Albanien gemahnen. Ein anderer Bildabschnitt erinnert an gefolterte und getötete Bischöfe und Priester, unter ihnen auch Oscar Romero sowie Juan Gerardi und Giuseppe Puglisi – letztere wurden von der Mafia ermordet. Außerdem sind zu sehen Gefangene in einem rumänischen Kerker, ein Kloster auf einer der russischen Solovezkij-Inseln, das zu einem Gulag umfunktionierte wurde. Abgebildet ist auch ein katholischer Priester, der dort interniert war und einem alten orthodoxen Popen beistand, in dem er schwere Arbeit für ihn übernahm. Ein Beispiel, das zeigt, wie auch der abhängige und eingekerkerte Mensch noch für seinen Nächsten Akte der Liebe und Solidarität ausführen kann. Auch die Schar verfolgter Christen ohne Kennzeichen einer Nation erfüllen die göttlichen Gebote, indem sie in ihrer eigenen Bedrängnis noch andere speisen, sich um die Kranken kümmern und allen das Evangelium verkünden. Nähert man sich betrachtend und meditierend dieser Ikone über dem Hauptaltar, so spürt man das Wehen des göttlichen Liebesbrandes, Schrecken, Leid, Not und Tod transformieren sich zu Ereignissen mit tieferer, überweltlicher Bedeutung, die herrliche Ikone scheint wie umhegt von riesigen Engelsflügeln, das Schicksal all dieser bekannten und unbekannten Menschen eingehegt in das Gold, zu dem sie geworden sind, als sie durch die dargestellten Brennöfen gingen.
Von den acht Seitenkapellen sind sechs den modernen Märtyrern gewidmet und bergen Reliquienstücke verschiedenster Art und von Angehörigen der großen christlichen Konfessionen. In der Kapelle des heiligen Franziskus, die den Opfern des Kommunismus gewidmet ist, finden sich deshalb auch das Skapulier eines rumänisch-orthodoxen Archimandriten und der Rosenkranz eines orthodoxen Priesters, Aleksander Men’, der am 9. September 1990 in Moskau am Altar seiner Kirche erschossen wurde, während er die göttliche Liturgie zelebrierte. Am Bekanntesten dürfte für westliche Ohren der Name Jerzy Popieluszko klingen, der im Jahre 2010 selig gesprochen wurde. 1972 zum Priester geweiht, trat er seinen Dienst in der Nähe von Warschau an. Ab Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 zog er mit seinen „Messen für das Vaterland“ immer größere Massen von Gläubigen an. In seinen Predigten prangerte er soziale Missstände, die Verletzung von Menschenrechten, den forcierten Atheismus und psychische wie physische Übergriffe des Regimes an.
Die Kapelle des heiligen Karl Borromäus ist den neuen Märtyrern des amerikanischen Kontinents gewidmet. Wir finden hier unter anderem das Messbuch des seligen Oscar Arnulfo Romero, Erzbischof von San Salvador, der am 24. März 1980 während einer Messe in der Krankenhauskapelle von San Salvador erschossen wurde. Sein gewaltsamer Tod gab das Signal zum Beginn des Bürgerkrieges in El Salvador.
In der Kapelle der heiligen Francesca Romana versammeln sich liturgische und persönliche Gebrauchsgegenstände zum Andenken an die neuen Märtyrer in Asien, Ozeanien und Nahost.
Dem Besucher ist das Berühren der Gegenstände üblicherweise verwehrt, so bleibt nur, sich betend auf den steinernen Absatz zu knien und um die Fürsprache von beeindruckenden Persönlichkeiten wie Shabaz Bhatti oder Don Andrea Santoro zu bitten. Bhatti war der zuständige Minister in Pakistan für die Minderheiten, er wurde in Islamabad am 2. März 2011, als in Deutschland der Kirchenkampf um das so genannte „Memorandum Kirche“ tobte, erschossen, weil er sich für den Dialog und für den Frieden in seinem Land unter den religiösen Minderheiten einsetzte. Berühmt geworden ist sein geistliches Testament, in dem er
ein klares und entschiedenes Bekenntnis zu Jesus Christus ablegt: „Ich denke, dass die Hilfsbedürftigen, die Armen, die Waisen, welcher Religion sie auch immer angehören, zu aller erst als Menschen zu sehen sind. Ich denke, dass diese Menschen Teil meines Körpers in Christus sind, dass sie der verfolgte und hilfsbedürftige Teil von Christi Körper sind. Wenn wir diese Mission zu Ende bringen, werden wir uns einen Platz zu Jesu Füßen verdient haben und ich werde Ihn anschauen können, ohne mich schämen zu müssen.“
Bhattis Bibel ist hier ausgestellt, neben Kelch, Patene und Stola von Andrea Santoro, einem missionarisch tätigen Priester in der Türkei, der von einem Jugendlichen am 5. Februar 2006 ermordet wurde, während er ins Gebet vertieft war. Auch Luigi Padovese, apostolischer Vikar in Anatolien, ereilte dieses Schicksal am 3. Juni 2010. In der Kapelle der heiligen Francesca Romana bewahrt man seine Mitra auf.
Den Opfern des Nationalsozialismus ist die Kapelle zu den schmerzhaften Geheimnissen gewidmet. Hier findet sich ein Brief des seligen Franz Jägerstätters, den er kurz vor seiner Enthauptung am 9. August 1943 aus dem Gefängnis schrieb. Außerdem findet sich dort eine Reliquie des seligen Kardinals Clemens August von Galen, dem Erzbischof von Münster, der sich unter dem Wahnsinn des Hitler-Regimes mutig in aller Öffentlichkeit gegen das Euthanasieprogramm an Kranken und Behinderten stellte, weshalb er auch den Beinamen „Der Löwe von Münster“ trägt.
Das Andenken an die neuen Märtyrer Europas bewahrt die Kapelle der „Madonna della Pace“ auf. Darunter auch Stola und Kreuz des Giuseppe Puglisi, der von Angehörigen der Mafia am 15. September 1993 ermordet wurde.
Die Kapelle des heiligen Antonius von Padua hütet persönliche Gegenstände von modernen Märtyrern in Afrika und Madagaskar, darunter auch das Kreuz, das Schwester Leonella Sgorbati zum Zeitpunkt ihres Todes trug. Sie wurde im Alter von 66 Jahren in Mogadischu von sieben Kugeln getroffen, als sie gerade das Krankenhaus verließ, wo sie Unterricht in Krankenpflege gegeben hatte.
Für jeden Rompilger ist die Basilika San Bartolomeo tatsächlich zu einem spirituellen must geworden, für jeden Christen, egal welcher Konfession oder Großkirche er angehört, wird der Besuch dieses Ortes einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber lassen wir unseren mittlerweile emeritierten Papst sprechen, der die Gedenkstätte am 7. April 2008 besucht hat, denn trefflichere Worte lassen sich kaum finden: „Der auferstandene Jesus durchleuchtet ihr Zeugnis. So können wir den Sinn ihres Martyriums verstehen. Es ist die Macht der Liebe, wehrlos und siegreich zugleich auch in der scheinbaren Niederlage.“
Dem betenden Pilger wird diese Einsicht aufgehen, und er wird getröstet und beeindruckt zugleich diese wunderbare Wallfahrtsstätte verlassen.

Ikone auf dem Hauptaltar „Attraverso la grande tribolazione“
In diesem Monat schreibt er an Pater Jacques Hamel. Der greise, 86jährige Pater wurde am Altar seiner Kirche in Rouen von
Tatzeugin war seine Schwester Roseline, die als echte Christin die Mutter einer der beiden Meuchelmörder kennenlernen wollte. Der Austausch war fruchtbar und für beide Frauen tröstlich, weshalb der Journalist Samuel Lieven ein Buch über Roseline und Nassera Kermiche geschrieben hat, das unter dem Titel "Schwestern der Versöhnung" im fe-Medienverlag erschienen ist.
Guido Horst wiederum hat die zwei Frauen, auf dem jährlichen Meeting von Comunione e Liberazione in Rimini erlebt, wo sie gemeinsam Zeugnis ablegten, dass Frieden, Versöhnung und sogar Freundschaft immer möglich sind. Es hat ihn über die Maßen beeindruckt - dennoch richtet er seinen Brief nicht an Roseline, sondern an den Märtyrerpriester Hamel.
Was mich nun an der ganzen berührenden Geschichte am meisten freut, ist, dass das Brevier des seligen Paters (ich greife dem Abschluss des Seligsprechungsverfahrens (das Dossier dazu soll 11.500 Seiten umfassen, also einfach mal vor), das Brevier also liegt nun auf dem Altar der Märtyrer der Neuzeit in der Kirche San Bartolomeo all'Isola auf der Tiberinsel in Rom. Ich habe über diese äußerst eindrückliche römische Kirche, die den Märtyrern der Neuzeit gewidmet ist, im Sommerdoppelheft des Vatican-Magazins einen Artikel in der Rubrik Heiligtum der besonderen Art geschrieben.
Er ist so aktuell wie schon vor 10 Jahren und wird es bleiben, weshalb ich ihn hier einfüge.
Gewidmet den Märtyrern des 20. und 21. Jahrhunderts – San Bartolomeo all’Isola in Rom
von Barbara Wenz
In dieser finsteren Nacht der Welt, umgeben von Unbarmherzigkeit im Westen gegenüber Ungeborenen, Alten und Sterbenden und von Gnadenlosigkeit im Nahen Osten unter einem Kalifat des Gräuels, ist es für manchen oft sehr schwer, einen Lichtschein am Firmament zu erblicken. Dabei hängt in Wahrheit über uns als ein glühendes Spektakel, wie ein Vorhang, der Vorhang vor dem Allerheiligsten Gottes. Eine wogende aurora borealis, die sich hebt und senkt und wallend unsere Welt mit dem Feuer der Liebe und dem Ganzopfer der Hingabe des eigenen Lebens mit Purpur durchsträhnt. Wir müssen nur hinschauen, nach oben, inmitten der Dunkelheit, die uns umgibt, und unsere Augen weit aufreißen, dann können wir es lodern sehen.
Sein santuario hat es auf Roms Tiberinsel gefunden, seit alters her ein Ort der Heilung und Heiligung: Wo heute die vor über tausend Jahren erbaute Kirche San Bartolomeo mit dazugehörigem Kloster steht, befand sich einst ein Äskulaptempel mit Hospiz. Neben dem Eingang zur Kirche findet sich der Eingang zum jüdischen Kinderkrankenhaus, was die Präsenz von bewaffneten Frauen und Männern in Uniform erklärt. Auch die „Barmherzigen Brüder“, die „Fatebenefratelli“ führen hier auf der Tiberinsel ein Krankenhaus, auf der gegenüberliegenden Seite des Kirchplatzes mit dem ebenfalls aus dem Jahre 1000 stammenden Marmorbrunnen.
San Bartolomeo wird von der geistlichen Gemeinschaft Sant’Egidio betreut und ist heute, genauer seit dem Jahre 2002 ein echtes Heiligtum der besonderen Art: Sie ist dem Andenken an Märtyrer des 20. und 21. Jahrhunderts gewidmet und versammelt so viele Reliquienschätze an einem einzigen Ort wie vermutlich keine andere Kirche der Welt. Alles ging auf eine Idee des seligen Johannes-Paul II. aus dem Jahre 1999 zurück – anlässlich des bevorstehenden Heiligen Jahres ließ er eine Kommission für die „neuen Märtyrer“ einrichten, die das Blutzeugnis der Christen im 20. Jahrhundert dokumentieren sollte. Das Team nahm seine Arbeit in den Gebäuden der zu San Bartolomeo gehörenden Klosteranlage auf und trug im Laufe seiner Tätigkeit rund 12.000 Dossiers und unzählige Materialien wie Briefe, Stolen, Gebetbücher oder andere persönliche Gegenstände zusammen.
Am 12. Oktober 2002 wurde San Bartolomeo feierlich zur Gedenkstätte für die neuen Märtyrer proklamiert, wodurch Papst Johannes-Paul II. einmal mehr sein feines Gespür für historische Zusammenhänge bewies: Denn die Gebeine des heiligen Bartholomäus, einem Apostel Jesu, der von vielen Forschern auch als „Nathanael von Kana“, einem ehemaligen Jünger Johannes des Täufers identifiziert wird, liegen in einem Sarkophag unter dem Hauptaltar. Die Kopfreliquie gelangte zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert nach Deutschland und wird im Bartholomäusdom zu Frankfurt aufbewahrt, in dem lange Zeit die römisch-deutsche Kaiser und deutschen Könige gekrönt wurden.
Nathanael, den sie als Apostel Bartholomäus nannten, ging nach dem Pfingstereignis auf Missionsreise nach Ägypten, Indien und Armenien, wo er auch das Martyrium erlitt: Ihm wurde für die Zerstörung der dort verehrten Götzenbilder von einem Bruder des Königs bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen, danach ans Kreuz geheftet oder auch, in einer anderen Fassung der Überlieferung, enthauptet. Dieses Geschehen solle sich im antiken Edessa, dem Urfa der modernen Türkei zugetragen haben, einer Stadt, die sich heute direkt an der Grenze zum Blutmolochreich des Islamischen Kalifats befindet.
Auf dem Hauptaltar befindet sich seit der Proklamation als Heiligtum für die neuen Märtyrer eine große, beeindruckende Ikone zu diesem Thema: Über dem ganzen Geschehen thront Jesus Christus, umgeben von Heerscharen von Engeln und Heiligen. Auf der sichelförmigen Wolke darunter stehen die Worte „Durch die große Bedrängnis hindurch“, darunter findet sich eine Kathedrale, gekrönt von Stacheldrahtzäunen, die ein Konzentrationslager symbolisiert, stellvertretend für die drei großen christlichen Konfessionen sind abgebildet der Lutheraner Dietrich Bonhoeffer, der einstige Patriarch von Moskau, Tichon, und der Dominikaner Giuseppe Girotti, der in Dachau ermordet wurde.
Des Weiteren sieht man auf der rechten Seite einstürzende Gebäude und Erschießungskommandos, die an den Völkermord an den Armeniern und das Leid der Christen in Albanien gemahnen. Ein anderer Bildabschnitt erinnert an gefolterte und getötete Bischöfe und Priester, unter ihnen auch Oscar Romero sowie Juan Gerardi und Giuseppe Puglisi – letztere wurden von der Mafia ermordet. Außerdem sind zu sehen Gefangene in einem rumänischen Kerker, ein Kloster auf einer der russischen Solovezkij-Inseln, das zu einem Gulag umfunktionierte wurde. Abgebildet ist auch ein katholischer Priester, der dort interniert war und einem alten orthodoxen Popen beistand, in dem er schwere Arbeit für ihn übernahm. Ein Beispiel, das zeigt, wie auch der abhängige und eingekerkerte Mensch noch für seinen Nächsten Akte der Liebe und Solidarität ausführen kann. Auch die Schar verfolgter Christen ohne Kennzeichen einer Nation erfüllen die göttlichen Gebote, indem sie in ihrer eigenen Bedrängnis noch andere speisen, sich um die Kranken kümmern und allen das Evangelium verkünden. Nähert man sich betrachtend und meditierend dieser Ikone über dem Hauptaltar, so spürt man das Wehen des göttlichen Liebesbrandes, Schrecken, Leid, Not und Tod transformieren sich zu Ereignissen mit tieferer, überweltlicher Bedeutung, die herrliche Ikone scheint wie umhegt von riesigen Engelsflügeln, das Schicksal all dieser bekannten und unbekannten Menschen eingehegt in das Gold, zu dem sie geworden sind, als sie durch die dargestellten Brennöfen gingen.
Von den acht Seitenkapellen sind sechs den modernen Märtyrern gewidmet und bergen Reliquienstücke verschiedenster Art und von Angehörigen der großen christlichen Konfessionen. In der Kapelle des heiligen Franziskus, die den Opfern des Kommunismus gewidmet ist, finden sich deshalb auch das Skapulier eines rumänisch-orthodoxen Archimandriten und der Rosenkranz eines orthodoxen Priesters, Aleksander Men’, der am 9. September 1990 in Moskau am Altar seiner Kirche erschossen wurde, während er die göttliche Liturgie zelebrierte. Am Bekanntesten dürfte für westliche Ohren der Name Jerzy Popieluszko klingen, der im Jahre 2010 selig gesprochen wurde. 1972 zum Priester geweiht, trat er seinen Dienst in der Nähe von Warschau an. Ab Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 zog er mit seinen „Messen für das Vaterland“ immer größere Massen von Gläubigen an. In seinen Predigten prangerte er soziale Missstände, die Verletzung von Menschenrechten, den forcierten Atheismus und psychische wie physische Übergriffe des Regimes an.
Die Kapelle des heiligen Karl Borromäus ist den neuen Märtyrern des amerikanischen Kontinents gewidmet. Wir finden hier unter anderem das Messbuch des seligen Oscar Arnulfo Romero, Erzbischof von San Salvador, der am 24. März 1980 während einer Messe in der Krankenhauskapelle von San Salvador erschossen wurde. Sein gewaltsamer Tod gab das Signal zum Beginn des Bürgerkrieges in El Salvador.
In der Kapelle der heiligen Francesca Romana versammeln sich liturgische und persönliche Gebrauchsgegenstände zum Andenken an die neuen Märtyrer in Asien, Ozeanien und Nahost.
Dem Besucher ist das Berühren der Gegenstände üblicherweise verwehrt, so bleibt nur, sich betend auf den steinernen Absatz zu knien und um die Fürsprache von beeindruckenden Persönlichkeiten wie Shabaz Bhatti oder Don Andrea Santoro zu bitten. Bhatti war der zuständige Minister in Pakistan für die Minderheiten, er wurde in Islamabad am 2. März 2011, als in Deutschland der Kirchenkampf um das so genannte „Memorandum Kirche“ tobte, erschossen, weil er sich für den Dialog und für den Frieden in seinem Land unter den religiösen Minderheiten einsetzte. Berühmt geworden ist sein geistliches Testament, in dem er
ein klares und entschiedenes Bekenntnis zu Jesus Christus ablegt: „Ich denke, dass die Hilfsbedürftigen, die Armen, die Waisen, welcher Religion sie auch immer angehören, zu aller erst als Menschen zu sehen sind. Ich denke, dass diese Menschen Teil meines Körpers in Christus sind, dass sie der verfolgte und hilfsbedürftige Teil von Christi Körper sind. Wenn wir diese Mission zu Ende bringen, werden wir uns einen Platz zu Jesu Füßen verdient haben und ich werde Ihn anschauen können, ohne mich schämen zu müssen.“
Bhattis Bibel ist hier ausgestellt, neben Kelch, Patene und Stola von Andrea Santoro, einem missionarisch tätigen Priester in der Türkei, der von einem Jugendlichen am 5. Februar 2006 ermordet wurde, während er ins Gebet vertieft war. Auch Luigi Padovese, apostolischer Vikar in Anatolien, ereilte dieses Schicksal am 3. Juni 2010. In der Kapelle der heiligen Francesca Romana bewahrt man seine Mitra auf.
Den Opfern des Nationalsozialismus ist die Kapelle zu den schmerzhaften Geheimnissen gewidmet. Hier findet sich ein Brief des seligen Franz Jägerstätters, den er kurz vor seiner Enthauptung am 9. August 1943 aus dem Gefängnis schrieb. Außerdem findet sich dort eine Reliquie des seligen Kardinals Clemens August von Galen, dem Erzbischof von Münster, der sich unter dem Wahnsinn des Hitler-Regimes mutig in aller Öffentlichkeit gegen das Euthanasieprogramm an Kranken und Behinderten stellte, weshalb er auch den Beinamen „Der Löwe von Münster“ trägt.
Das Andenken an die neuen Märtyrer Europas bewahrt die Kapelle der „Madonna della Pace“ auf. Darunter auch Stola und Kreuz des Giuseppe Puglisi, der von Angehörigen der Mafia am 15. September 1993 ermordet wurde.
Die Kapelle des heiligen Antonius von Padua hütet persönliche Gegenstände von modernen Märtyrern in Afrika und Madagaskar, darunter auch das Kreuz, das Schwester Leonella Sgorbati zum Zeitpunkt ihres Todes trug. Sie wurde im Alter von 66 Jahren in Mogadischu von sieben Kugeln getroffen, als sie gerade das Krankenhaus verließ, wo sie Unterricht in Krankenpflege gegeben hatte.
Für jeden Rompilger ist die Basilika San Bartolomeo tatsächlich zu einem spirituellen must geworden, für jeden Christen, egal welcher Konfession oder Großkirche er angehört, wird der Besuch dieses Ortes einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber lassen wir unseren mittlerweile emeritierten Papst sprechen, der die Gedenkstätte am 7. April 2008 besucht hat, denn trefflichere Worte lassen sich kaum finden: „Der auferstandene Jesus durchleuchtet ihr Zeugnis. So können wir den Sinn ihres Martyriums verstehen. Es ist die Macht der Liebe, wehrlos und siegreich zugleich auch in der scheinbaren Niederlage.“
Dem betenden Pilger wird diese Einsicht aufgehen, und er wird getröstet und beeindruckt zugleich diese wunderbare Wallfahrtsstätte verlassen.

Ikone auf dem Hauptaltar „Attraverso la grande tribolazione“
ElsaLaska - 8. Okt, 13:33
















