
Der Historiker und Journalist Michael Hesemann nahm kürzlich während mehrerer Studienreisen Tuchfühlung auf zu einer der ältesten Kirchen der Christenheit, die ihre Gründung auf den Evangelisten Markus zurückführt und ihre Zeitrechnung nicht mit der Geburt Jesu beginnen lässt, sondern mit dem Beginn der Christenverfolgung unter der Regentschaft Kaiser Diokletians. Einer der blutigsten und verheerendsten der damaligen Zeit. Die Kopten zählen ab dem Jahr 284 n. Chr. die "Ära der Märtyrer". Diese Ära ist nun seit fast 1700 Jahren noch immer nicht beendet, auch wenn die Christen in Ägypten nicht mehr per kaiserlichem Dekret verfolgt werden.
Spätestens seit dem 1. Januar 2011 ist die koptische Kirche auch hierzulande bekannter geworden - nach dem furchtbaren Anschlag in Alexandria mussten selbst die rund 6.000 in Deutschland lebenden Kopten ihre Weihnachtsfeiern zum 6. Januar unter massivem Polizeischutz feiern. Zahlreiche Katholiken und Christen anderer Konfessionen besuchten Januar 2011 die Weihnachtsliturgie in deutschen koptischen Gemeinden, um Mitgefühl und Solidarität zu signalisieren.
Das Interesse an dieser ebenso anziehend wirkenden wie fremdartigen Kirche stieg, deren koptisch-orthodoxer Zweig selbstständig ist und einen eigenen Patriarchen hat, welcher aus historischen Gründen auch den Titel "Papst" trägt - warum das so ist, erklärt Hesemann ebenfalls in seinem Buch -; während der koptisch-katholische Zweig zu den mit Rom unierten Kirchen zählt.
So lag es nahe, auf seiner geplanten archäologisch-historischen Spurensuche über die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten, ihre Reisestationen und Aufenthalte, auch in den heute noch existierenden koptischen Klöstern und Wallfahrtskirchen halt zu machen und Priester und Mönche dort zu befragen, die über uraltes mündlich überliefertes Wissen oder sogar Papyri verfügen, die zum Teil über 1500 Jahre alt sind.
Dabei hat Hesemann nicht nur möglichst viele Quellen ausgewertet, sondern durchaus auch der örtlichen Überlieferung Platz und Raum gelassen, so dass ein Buch entstanden ist, welches ebenso historisch fundiert berichtet wie auch wunderschöne Geschichten von Quellwundern, ebenso heiligen wie heilenden Wassern und schwimmenden Bibeln zu erzählen weiß. Und davon, dass in mindestens einer Handvoll heidnischer Tempel in verschiedenen Städten, welche die heilige Familie in Ägypten besuchten, beim Eintritt des Jesuskindes die Götzenstatuen von Sockeln und Wänden fielen, um mit zerschlagenem Angesicht auf dem Boden liegenzublieben.
Alle diese Legenden und Überlieferungen scheinen dem postkonziliaren europäischen Katholiken eher fremd. Wann haben wir zuletzt in diesem Land eine Marienerscheinung gesehen? Und zwar allesamt, nicht nur eine ausgewählte Sehergruppe? In Zeitoun gab es eine, bei der sogar der damalige Präsident Nasser Augenzeuge wurde. Von der Erscheinung der Heiligen Jungfrau in Warraq 2009 kursieren sogar youtube-Videos.
Und wer kennt das Lourdes der Antike? Das Kloster des wunderbaren heiligen Menas, einem Reiter- und Soldatenheiligen, der unter Maximinius Daia allerfurchtbarste Foltern zu ertragen hatte, weil ihm im Traum geoffenbart wurde, er werde zu allen Tugendkronen auch noch die Krone des Märtyrers erlangen. Hesemann schildert den Mythos ebenso präzise wie die historischen Fakten zu diesem Ort in der Oase von Maryut, von Anbeginn der Überlieferung bis hinein mitten in die Zeit des Zweiten Weltkrieges, wo sich folgendes Wunder um den Heiligen Menas ereignete, welches auch so manchen Skeptiker ins Grübeln bringt. Maryut liegt etwa 65 Kilometer von El Alamein entfernt, wo eine der berühmtesten Schlachten des Zweiten Weltkrieges stattfand - und sich das Geschick endlich gegen Hitlers Truppen wendete, die unter Generalfeldmarschall Rommel nach dort vorgestoßen waren und den Briten unter Feldmarschall Bernard Montgomery entgegenstanden. Und eben jener Feldmarschall hatte nun zu dieser Zeit einen Traum: "Er träumte von einer Panzerschlacht zwischen den Achsenmächten und den Alliierten, die von einem Mann aus erhöhter Position beobachtet wurde. Wann immer dieser Mann die Hand erhob, wichen die Truppen der Deutschen zurück, bis sie schließlich völlig besiegt waren. Auf die Frage, wie er denn hieße, antwortete der Mann mit nur einem Wort: 'Menas'."
Das war kurz vor der Schlacht von El Alamein, die den Allierten den ersten, großen Sieg brachte und den großen Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg darstellte. Montgomery hatte diesen Traum einem koptischen Freund erzählt, Professor Nahguib Mahfouze, dem Leiter der Gynäkologie in der Universtätsklinik zu Kairo, bei dem sich seine Frau in ständiger Behandlung befand. Wir können also, mit dem Autoren Hesemann, die Quelle für glaubwürdig befinden - und uns dennoch wundern.
Es sind die Fülle an historischen Fakten, Belegen, Verweisen, Auszügen aus alten Chroniken, verwoben mit Legenden, Heilungswundern, Erscheinungen und Wallfahrten an besonderen Orten, von denen in Deutschland kaum je gehört wurde, die dieses Buch, das ebensogut als literarischer Reiseführer gelesen werden kann, so interessant und lesenswert machen. Ob man es locker überfliegt oder mit dem Bleistift in der Hand durcharbeitet: danach hat man Wesentliches über das Leben der Heiligen Familie in Ägypten, die koptische Kirche, ihre Geschichte, ihre Traditionen und ihre Probleme im heutigen Ägypten erfahren.
Ganz besonders erfreulich ist die Ausstattung mit einer Reisekarte, so dass man die zum Teil fremdartigen Ortsnamen, die kaum geläufig sind, visuell zuordnen kann, sowie zahlreiche weitere Abbildungen. Im Anhang finden sich neben Anmerkungen und Literaturhinweisen noch eine ausführliche Zeitleiste zur Geschichte der Kopten und ein Interview mit dem Generalbischof der koptischen Kirche in Deutschland, Anba Damian, zur aktuellen politischen Situation, zu dem, was uns als Christen eint, aber auch, was uns trennt. Von ihm stammt auch das Vorwort zu "Jesus in Ägypten. Das Geheimnis der Kopten."
Vorangestellt hat der Autor Michael Hesemann eine Widmung, die hier ebenfalls Erwähnung finden soll:
"Den Märtyrern vom Maspero-Platz und ihrem Traum von einer Gleichberechtigung der Kopten in Ägypten gewidmet." Möge dieser Traum in Erfüllung gehen.
Michael Hesemann: Jesus in Ägypten. Das Geheimnis der Kopten.
Erschienen im Herbig Verlag 2012.
ISBN: 978-3-7766-2697-1
24,99 Euro