>>Über die unheilige Allianz, das mangelnde Demokratieverständnis und die Handlungsweise derer, die den Marsch für das Leben gewaltsam (durch Störaktionen, unter anderem die Schändung von Kreuzen, das Werfen mit Farbbeuteln und das Schlagen(!) von Teilnehmern! gestört haben, schreibt Marcus Böttcher von der Berliner Zeitung, der Die gruselige Allianz der Vor-Vorgestrigen titelt, kein Wort. Dabei ist das viel gruseliger.<<
[via
Braut des Lammes]
ElsaLaska - 22. Sep, 15:55
Die Frau ist älter als ich, kleiner und viel zierlicher. Ihr pflegeleichter Kurzhaarschnitt - sie hat feuerrotes Haar, sitzt über ihrem fragilen Antlitz, das noch Überreste einer Kleinmädchenschönheit aufweist, wie ein Helm. Ihre resolute, dabei aber immer fröhliche und kommunikative Auftretensweise zeugt von ihrer bewundernswerten stabilen Seelenlage.
Neben ihr ein ebenso rothaariger junger Mann, vielleicht Zwanzig oder Mitte Zwanzig. Ich schwimme an ihm vorbei. Er lächelt selig. Dass er nicht untergeht, verdankt er dem mit Luft gefüllten Schwimmreif, in dem er sitzt. Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, das Lächeln ist mir ein wenig zu offensiv. Gleichzeitig erkenne ich, dass der junge Mann nicht aus Spaß in diesem Reif sitzt - er kann nicht schwimmen. Also scheint es sich um eine Art Behinderung zu handeln. Den äußersten Rand des Außenschwimmbeckens mit Panoramablick ziert ein riesiger Steinengel ohne Kopf. An den Außenseiten seiner Flügel sind Befestigungen wie eine Art Holzrahmen angedeutet. Er ist ganz grau. Weil ihm der Kopf fehlt, kann man nicht wissen, ob der Engel gerade lächelt wie der junge Mann oder zornig drein schaut. Die Flügel sind jedenfalls aufgeschlagen - und zwar für die Ewigkeit.
Etwas später sehe ich die zarte ältliche Frau und ihren jungenhaften Sohn unter der Dusche stehen. Er bewegt sich nicht. Die Arme ausgebreitet wie die Statue draußen am Becken ihre Flügel, lässt er sich abtrocknen. Dabei lächelt er mich an, als ich aus dem Wasser komme. Kein Laut steigt von ihm auf. Er gurrt nicht, summt nicht, er lallt nicht. Das ist eine merkwürdige Behinderung, denke ich. Wie erstarrt zu sein, keinerlei Antrieb zu haben, nichtmal, um sich abzutrocknen. Dabei dieses unbestechliche, unwiderstehliche, seliglich-ewige Lächeln. Er hat kein Down-Syndrom, seine Züge sind regelmäßig und klar konturiert. Menschen, die mit Down-Syndrom leben, gelten als ähnlich liebenswert und freundlich. Wenn nicht irgendetwas ihren Unwillen erregt.
Ich denke mir banale Sätze wie "Arme Frau, wer wird s i e einmal pflegen, wenn sie zu alt ist?" oder "Ja, lächel nur, sieht ganz nett aus, wie du dich an allem freuen kannst, aber wahrscheinlich kannst du auch ganz schön ausflippen, wenn mal was nicht passt."
Über diese Gedanken, und weil ich mit mir selbst, meiner Situation, den Schwierigkeiten derzeit und Herausforderungen beschäftigt bin, vergesse ich, zurückzulächeln.
Die letzte Chance erhalte ich beim Abendessen. Er sitzt nur da, vor dem schön gedeckten Tisch im Speiseraum, neben ihm seine Mamma, sieht mich vorbeigehen, und lächelt mich an. Ich bin gerade von irgendwas genervt, obwohl ich es nicht sein bräuchte. Ich schaue, ziehe die Augenbrauen zusammen, und stürme eiligen Schrittes und viel zu beschäftigt, vorbei.
Danach denke ich darüber nach, wieso ich nicht offen genug war, einfach zurück zu lächeln, an den Tisch zu treten und der Mamma und ihm ein paar liebe Worte zu sagen. Nichts Großes - etwas wie "Haben Sie einen schönen Abend miteinander!" oder "Lassen Sie es sich schmecken!" oder "Ihr Sohn hat ein bezauberndes Lächeln, er kommt mir vor wie ein Engel auf Erden!"
Den Rest des Abends denke ich über die verpasste Gelegenheit nach und darüber, warum ich nicht entspannt genug war, genau das zu tun, was ich gerne getan hätte.
Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wächst die Gewissheit, dass dieser junge Mann wirklich ein Engel ist.
Und Engel wissen fast alles.
Also weiß er auch, dass ich so gern zurückgelächelt hätte und wieso ich einfach nicht konnte.
Aber dennoch, falls euch das einmal passiert - macht nicht den gleichen Fehler wie ich.
Herabgestiegene Engel sind sehr rar auf dieser Welt - behandeln wir sie sorgsam und geben gemeinsam auf sie Acht.
ElsaLaska - 22. Sep, 14:33
Dankenswerterweise hat Pro Spe Salutis auf einen Artikel in der Badischen Zeitung hingewiesen, in dem es um die Zukunft des historischen Ensembles geht, in dem der katholische Dichter und Schriftsteller Reinhold Schneider bis zu seinem Tod 1958 gelebt hat.
Als besonderes Zuckerl hat der Blogger noch wunderschöne Bilder eingestellt - und außerdem gibt es einen Auszug aus dem Essay "Lorettoberg" von Schneider.
Alles dann
hier.
PsS schlägt vor, die Kirche möge doch das Anwesen erwerben:
>>Ich meinesteils sehe hier auch die Kirche ein wenig in der Pflicht, sich zumindest Gedanken zu machen, ob man das Anwesen nicht erwerben sollte - schon aus Respekt diesem großen christlichen Geist gegenüber. Das Andenken Reinhold Schneiders zu pflegen und - gefährdet ist es ohnehin - in die Zukunft zu tragen kann nämlich durchaus als eine ehrenvolle Aufgabe der Kirche betrachtet werden; man schmückt sich ja auch sonst von Zeit zu Zeit gerne mit Schneider-Zitaten. Warum nicht ein katholisches Literaturarchiv einrichten, offen und von niederer Schwelle für eine interessierte Öffentlichkeit, gerne auch mit einem kleinen Café oder dem Angebot, im Garten um das Haus Atem holen zu können?<<
Eine wunderschöne Idee, lachen musste ich jedoch schon auch.
Ehrlich gesagt traue ich der deutschen Gremienkirche (die aber ansonsten für jeden genderbewegten oder ökologisch korrekten oder interreligiösen Humbug Geld hat), ein solch schönes und sinnhaftes Projekt gar nicht zu.
Aber vielleicht findet sich ja noch ein katholischer Privatinvestor?
[Und ja, ich kenne da ein paar Leutchen, die sich ideell sicherlich in solch ein Projekt gerne einbringen würden, mich eingeschlossen. ]
ElsaLaska - 19. Sep, 10:41