Der Judas des Leonardo von Leo Perutz oder
die Lust am Lesen.
Im Mailand des Il Moro, Ende des 15. Jahrhunderts, versucht ein deutscher Händler aus Melnik, der dem Moro zwei gute Pferde verkauft hat, siebzehn Dukaten von einem stadtbekannten Geizhals und Wucherer einzutreiben, über die er sogar einen Schuldschein besitzt. Außerdem ist er auf der Suche nach einem schönen Mädchen, das er auf der Straße gesehen und in die er sich gleich verliebt hat. So landet er in einer Schenke am Dom, in der sich die merkwürdigsten Gestalten treffen: Künstler, die am Dom beschäftigt sind, Vagabunden, ein Mönch, der Arithmetik studiert und die Tischplatte in der Kneipe regelmäßig mit Kreide und geometrischen Beweisen vollkritzelt und einen "Säufer, Spieler, Eckensteher, Raufer und Hurentreiber", den alle nurMancino nennen, der aber, so will es Perutz, wohl der verschollene Francois Villon ist, der pflegt in aller Öffentlichkeit gegen einen Humpen Wein auch Verse vorzutragen, die denen Villons ähnlich sind.
Aber eigentlich geht es um etwas ganz anderes: Eigentlich geht es darum, dass Il Moro und ganz Mailand langsam ungeduldig werden, weil Leonardo da Vinci in einer künstlerischen Blockade steckt und das "Abendmahl" nicht fertigstellen kann. Er sucht noch nach der idealen Vorlage für seinen Judas. Den wird er am Ende auch finden, aber dazwischen spielt sich eine Liebesträgodie ab, die verheißungsvoll begann.
Ich weiß nicht, wie Perutz dazu kommt, wo er doch eigentlich als Versicherungsmathematiker (!) tätig war, derart bildhafte und herrliche Dialoge zu schreiben, das es ein Genuss ist. Daneben schreibt er absolut verständlich, zugänglich, unterhaltsam - und dennoch liefert er ein Kunstwerk ab.
Und da es das nur noch ganz selten gibt, sei es drum hier erwähnt.
Es gibt viele herausragend geschriebene Stellen in diesem Buch, aber eine, eine leise, an der zu merken ist, wie hier einer sein Handwerk beherrscht, die hat sich mir festgesetzt, ich zitiere sie seit vorhin mit einem Lächeln im Gesicht innerlich vor mich hin.
Und zwar kommt der Mathematik studierende Mönch zu seinem Kumpan d'Oggiono, um sich ein paar Münzen zu leihen, aber d'Oggiono weist ihn ab, woraufhin sich Bruder Luca einen Kohlestift nimmt und still von dannen zieht, denn, wie d'Oggiono dem Deutschen erklärt, "da er Mathematiker ist, so ist er auch Philosoph und als solcher besser als unsereiner imstande, sich mit Enttäuschungen abzufinden." Es folgen fast fünf Seiten, in denen der Deutsche sein Problem darlegt, wieder an das geschuldete Geld zu kommen. D'Oggiono rät ihm, der Deutsche gibt dem Maler Tipps, wie er seine Werke besser verkaufen könnte und so weiter. Die Sache mit Bruder Luca ist schon völlig vergessen beim Lesen, der Deutsche verabschiedet sich:
"Er schwenkte sein Barett und ging und zog die Türe hinter sich zu, auf deren Außenseite der Bruder Luca mit Kohle die Worte geschrieben hatte: 'Der hier wohnt, ist ein Filz', weil er von D'Oggiono die zwei Carlini nicht bekommen hatte."
Der hier wohnt, ist ein Filz, ich könnte mich stundenlang über so was amüsieren, auch wenn ich vielleicht ein bisschen einsam damit dastehe ...
*gg*
Edit: AnobellO schimpft auf meiner Mail herum, ich soll gefälligst was zu Leo Perutz verlinken, schickt mir auch gleich noch den Link hinterher, den sie verlinkt haben möchte:
Hier also mehr über Leo Perutz.
Der von der Literaturwissenschaft lange ignoriert wurde, weil er LESBAR war.
Im Mailand des Il Moro, Ende des 15. Jahrhunderts, versucht ein deutscher Händler aus Melnik, der dem Moro zwei gute Pferde verkauft hat, siebzehn Dukaten von einem stadtbekannten Geizhals und Wucherer einzutreiben, über die er sogar einen Schuldschein besitzt. Außerdem ist er auf der Suche nach einem schönen Mädchen, das er auf der Straße gesehen und in die er sich gleich verliebt hat. So landet er in einer Schenke am Dom, in der sich die merkwürdigsten Gestalten treffen: Künstler, die am Dom beschäftigt sind, Vagabunden, ein Mönch, der Arithmetik studiert und die Tischplatte in der Kneipe regelmäßig mit Kreide und geometrischen Beweisen vollkritzelt und einen "Säufer, Spieler, Eckensteher, Raufer und Hurentreiber", den alle nurMancino nennen, der aber, so will es Perutz, wohl der verschollene Francois Villon ist, der pflegt in aller Öffentlichkeit gegen einen Humpen Wein auch Verse vorzutragen, die denen Villons ähnlich sind.
Aber eigentlich geht es um etwas ganz anderes: Eigentlich geht es darum, dass Il Moro und ganz Mailand langsam ungeduldig werden, weil Leonardo da Vinci in einer künstlerischen Blockade steckt und das "Abendmahl" nicht fertigstellen kann. Er sucht noch nach der idealen Vorlage für seinen Judas. Den wird er am Ende auch finden, aber dazwischen spielt sich eine Liebesträgodie ab, die verheißungsvoll begann.
Ich weiß nicht, wie Perutz dazu kommt, wo er doch eigentlich als Versicherungsmathematiker (!) tätig war, derart bildhafte und herrliche Dialoge zu schreiben, das es ein Genuss ist. Daneben schreibt er absolut verständlich, zugänglich, unterhaltsam - und dennoch liefert er ein Kunstwerk ab.
Und da es das nur noch ganz selten gibt, sei es drum hier erwähnt.
Es gibt viele herausragend geschriebene Stellen in diesem Buch, aber eine, eine leise, an der zu merken ist, wie hier einer sein Handwerk beherrscht, die hat sich mir festgesetzt, ich zitiere sie seit vorhin mit einem Lächeln im Gesicht innerlich vor mich hin.
Und zwar kommt der Mathematik studierende Mönch zu seinem Kumpan d'Oggiono, um sich ein paar Münzen zu leihen, aber d'Oggiono weist ihn ab, woraufhin sich Bruder Luca einen Kohlestift nimmt und still von dannen zieht, denn, wie d'Oggiono dem Deutschen erklärt, "da er Mathematiker ist, so ist er auch Philosoph und als solcher besser als unsereiner imstande, sich mit Enttäuschungen abzufinden." Es folgen fast fünf Seiten, in denen der Deutsche sein Problem darlegt, wieder an das geschuldete Geld zu kommen. D'Oggiono rät ihm, der Deutsche gibt dem Maler Tipps, wie er seine Werke besser verkaufen könnte und so weiter. Die Sache mit Bruder Luca ist schon völlig vergessen beim Lesen, der Deutsche verabschiedet sich:
"Er schwenkte sein Barett und ging und zog die Türe hinter sich zu, auf deren Außenseite der Bruder Luca mit Kohle die Worte geschrieben hatte: 'Der hier wohnt, ist ein Filz', weil er von D'Oggiono die zwei Carlini nicht bekommen hatte."
Der hier wohnt, ist ein Filz, ich könnte mich stundenlang über so was amüsieren, auch wenn ich vielleicht ein bisschen einsam damit dastehe ...
*gg*
Edit: AnobellO schimpft auf meiner Mail herum, ich soll gefälligst was zu Leo Perutz verlinken, schickt mir auch gleich noch den Link hinterher, den sie verlinkt haben möchte:
Hier also mehr über Leo Perutz.
Der von der Literaturwissenschaft lange ignoriert wurde, weil er LESBAR war.
ElsaLaska - 22. Jul, 21:40