Ein Gastbeitrag von Jutta Wettstein:
ERINNERUNGEN ZUM TRAUERMARSCH DER KOPTISCH-ORTHODOXEN KIRCHE ST. GEORG
AM 15. 01.2011 IN STUTTGART ZUM GEDENKEN AN IHRE GETÖTETEN GLAUBENSBRÜDER IN ÄGYPTEN.
Auf dem Kronprinzplatz versammelten sich bereits ungefähr 300 Menschen, als meine Freundin und ich eintrafen. Mein Blick fiel auf ein großes Plakat mit den Bildern von Opfern, die beim Anschlag in Alexandria ums Leben kamen. Ein stattlicher Mann hielt ein großes Koptenkreuz in den Händen, das die Menge weit überragte. Rundum befanden sich Kreuze mit Trauerflor und hoch erhobene Schilder. Die Menschen waren ruhig, zu ruhig, denn es wartete ein schwerer Gang auf diese Christen.
Im kleinen Halbkreis begannen Pater Johannes Ghali, der koptische Priester und zwei Geistliche der alt-orientalischen Gemeinden mit einem intensiven Trauergebet. Es kamen mehr und mehr Menschen, die den Marsch durch die Stuttgarter Innenstadt begleiten wollten: Familien mit Kindern, Jugendliche, Senioren.
Pater Ghali bat mich, um ein paar Worte. Da ich nicht darauf vorbereitet war, betete ich zu Gott, mir die richtigen Gedanken für diese tapferen Menschen einzugeben, damit sie spüren, dass sie in ihrer Empörung und Betroffenheit nicht allein sind.
Eine Frau der Gemeinde und ein junges Paar berichteten über die schwierige Situation der Unterdrückung in Ägypten, natürlich werden selbst an den Universitäten christliche Studenten und Studentinnen diskriminiert.
Der Zug setzte sich in Bewegung, Polizisten säumten aufmerksam den Straßenrand, Ordner gaben kurze Anweisungen. Engagierte junge Männer der Gemeinde, mit ihren kräftigen Stimmen und einem Megaphon , sprachen im Wechsel die Parolen:
Gerechtigkeit in Ägypten, gleiche Rechte für die Christen! Schützt die Kirche im Nahen Osten, stoppt den Mord an Christen im Nahen Osten! Warum hört keiner unser Leiden? Wo ist das Recht für die Urchristen, die wir sind?
Später trat ein weiterer junger Mann hinzu, der sich als Sohn eines evang. Pastors vorstellte und mit seinen koptischen Freunden, das geschehene Unrecht beklagte:
Warum ist es ein Verbrechen zu beten? Die Opfer sind Frauen und Kinder!
Wir, die begleitende Menge antwortete im Wechsel, selbst die Kinder waren mit Eifer dabei: Blonde und braunhaarige Mädchen und Buben mit ihren dunkelhaarigen, dunkeläugigen Freunden und Freundinnen. Ich sah drei Mädchen, sie trugen kleine Holzkreuze, den Namen Jesus mit einem schwarzen Band umwickelt. Ein freundlicher, grauhaariger älterer Herr hielt ununterbrochen in ehrwürdiger Haltung und nahezu liebevoll, das Bild seines koptischen Patriarchen Shenouda III., dem 117. Nachfolger des Apostels Markus hoch, mit dem er sich später auch zur Rednerbühne stellte. Beim Wiederholen der Parolen sprach immer wieder Trauer und Schmerz aus den Rufen der Männer und Frauen, die Stimmen wurden lauter, heiserer oder brachen, bis sie schließlich verklangen. Als wir uns der belebten Einkaufsstraße nährten, blieben immer mehr Leute stehen. Es gab keinerlei Störungen, aber einige nachdenkliche Gesichter.
Auf dem Marktplatz zur Kundgebung angekommen , betrat Pater Ghali mit dem syrisch-orthodoxen und armenischen Geistlichen die kleine Bühne, Redner ergriffen das Wort, versicherten ihre Solidarität, äußerten sich zu den Geschehnissen. Der Theologe Stefan Ullrich vom Stift Heiligenkreuz klärte u.a. sehr interessant über die Missverständnisse auf, die andere Religionen von unserem Glauben haben. Er sprach über die Dreifaltigkeit, die der EINE GOTT ist, nicht drei Götter. Jesus ist im Vater und der Vater in ihm. Auch jetzt durfte ich einige Worte sprechen. Als ich nach Frau Costabel, der Migrantenbeauftragten der EKD, an die Reihe kam, sah ich offene, erwartungsvolle Blicke. Ich begrüßte die Menschen, die trotz ihrer Betroffenheit, Kraft und Feuer besaßen.
Dass wir uns hier versammelt haben, aus Solidarität zu unseren koptischen Glaubensbrüdern, ist auch eine Chance! Wie gut, dass sich alle Gläubigen christlichen Glaubensbekenntnisses zusammenfinden in gegenseitiger Achtung, getragen von einem gemeinsamen Fundament: Jesus Christus. Der Gott der Liebe ist nicht Gewalt und Unterdrückung, nicht Aggression und Machtdenken. Das passt nicht zusammen. Genausowenig, wie das demokratische Deutschland, ein Land der Meinungs- und Religionsfreiheit, muslimischen Bewohnern gestattet ihren Glauben zu leben und Moscheen zu bauen, andererseits in islamisch regierten Staaten, Christen mindere Rechte haben, unterdrückt und gar ermordet werden. Spätestens jetzt ist Zeit, dass Regierende und Religionsführer, diejenigen, die Verantwortung für Menschen tragen, entsprechende Maßnahmen ergreifen!
Papst Benedikt zitierte gleich zu Beginn seines Pontifikates ,während seines Besuches in Regensburg, in prophetischer Weitsicht ein Gespräch des byzantinischen Kaisers mit einem mittelalterlichen persischen Gelehrten, nach der zentralen Frage hinsichtlich dem Verhältnis von Religion und Gewalt im Islam: Die Medien zerrissen ihn, in den eigenen katholischen Reihen regte sich alter Widerspruch, zwei Nonnen wurden ermordet. Und Papst Benedikt war auch der erste, der sofort nach den Angriffen an Weihnachten und Neujahr auf dem Petersplatz seine Stimme erhob und vehement diese Attentate verurteilte. Die Welt merkte auf! (Ich freute mich über das zustimmende Rufen und den Applaus für unseren Heiligen Vater.) Ich wünsche mir sehr, dass Gott diese Menschen segne, schütze und viel Kraft und Trost schenke.
Ein weiterer Sprecher prangerte die gleichgültige Haltung der Medien und Presse an, die beschönigt oder gar in Gleichgültigkeit verharrt. Grüne und Linke unterstützen den Islam, um zur die Macht zu gelangen, aber auch die Großparteien passen sich an. Sie verraten damit die Grundlage der europäischen Geschichte.
Wir erreichten das Ende unseres Gedenkmarsches den Rathausplatz.
Mein letztes Gruppenfoto mit den Geistlichen, Kindern und ein kleiner Junge, ein Schild in den kleinen Händen mit der Aufschrift: „Wir sterben, weil wir Christen sind, das ist unsere Schuld“.
Beim Abschied bemerkte Pater Johannes, er hoffe, dass dieser Trauermarsch ein wenig Wirkung zeige.
Dies sind die Eindrücke meiner Begegnung mit den Nachfahren der Urchristen, der Kirche der Märtyrer: Aufbruch und Hoffnung, aber auch tiefes Leid sind spürbar, sie bestätigen meine Empfindung. Ich habe selten in meinem Leben einen solche Erfahrung tiefsten Glaubens geteilt.
„Das Blut der Märtyrer ist wie eine neue Taufe. Blut, das auf die Hände der Verbrecher floss im Nil-Land. Bitten wir Gott, dass er bald unseren Schmerz heilt, damit es Frieden gibt.“
Danke, Jutta, für die Eindrücke! Und hier noch ein paar Fotos, eines davon zeigt Jutta auf der Rednerbühne. Gut gemacht!
