auf den Mann zu, mit meinen Geschenken, und kam mir ziemlich blöd vor. Immerhin bettelte er da ja nicht rum. Er saß nur auf dem Boden, zusammen mit seinen Hunden und trank eine Flasche Wein. An der Wand lehnte ein über und über bepacktes Fahrrad mit seitlich einer dreckigen Bratpfanne verschnürt. Darunter stand ein kleiner, schwarzer, abgestoßener Weltempfänger und dudelte. Ich konnte genau sehen, dass der Mann auf der Straße lebte. Die Gesichtsfarbe, die Geschwüre darin verraten das. Die Zähne waren das schlimmste, was ich je gesehen habe. Ich glaube, er war mindestens seit 30 Jahren nicht mehr bei einem Zahnarzt. Die Hunde standen freundlich wedelnd auf, um mich zu begrüßen. Ihr Herrchen freute sich auch und es ergab sich ein einfacher Moment, in dem ich ihm meine 5 Euro in die Hand drückte und sagte, für die Hunde hätte ich auch was. Wir haben uns nicht lange unterhalten, aber ein paar Sätze gewechselt - er hat noch einen weiten Weg vor sich heute - o je, bei dem Wetter. Und als einer der Hunde freudig an mir hochstieg, hat er sich entschuldigt. Ich hatte auch nicht meine besten Klamotten an, weshalb es mir gar nichts ausmachte. Wir wünschten uns noch alles Gute und ich ging zum Auto. Es war gar nicht wie Almosen geben gewesen, überlegte ich hinterher, weil ich mir Gedanken machte, vielleicht doch falsch rübergekommen zu sein.
Nein, eher wie etwas teilen, was man übrig hat. Es gab keinen einzigen blöden Moment dabei, auch von ihm aus nicht.
Wenn mir nicht erst bei dieser bescheuerten Kaffeekaufaktion die Erleuchtung gekommen wäre, hätte ich sie mir glatt schenken und ihm das Kaffee-und-Teilchen-"Angebot"-Geld auch noch geben können.
Heute ist wieder einer jener Abende, an denen ich lediglich vorm warmen Ofen sitzen muss um zu wissen, wie gut es mir geht.
Noch besser wird es mir allerdings gehen, wenn ich aus diesem Vorhof der Hölle mit seinen aufgerissenen, wieder zubetonierten zerstörten Landschaften, den Industriebaustellen, den milliarden Kreiseln und dem Stoßverkehr mitsamt diesen wummernden Blechkisten und ihren offensichtlich geisteskranken Fahrern wieder wegkomme.
ElsaLaska - 27. Feb, 21:55
Vorhin habe ich es vor lauter Kaffeesucht nicht ausgehalten und bin in irgendeinen Großmarkt geschlappt, von dem ich wusste, dass es dort ein integriertes Stehcafé gibt. Früher war der Großmarkt recht abgelegen, heute befindet sich direkt vor ihm ein Irrsinnskreisel, obendrüber eine Bundesstraße, hinten unter seitlich neben, also einfach Blech und Lärm ohne Ende - dazu eiskalter Nieselregen und Dämmerlicht - kurz und gut, alles was es braucht, um davon überzeugt zu sein, dass man im falschen Jahrhundert inkarniert wurde die Gnade hatte, geboren zu sein.
Während es ringsum also lärmt, brummt, quietscht, anfährt, Gas gibt, bremst, kreischt, eile ich auf den blöden Großmarkt zu und sehe zwischen all den Wahnsinnigen und Getriebenen einen reglosen Kerl mit Schlapphut und grünem Anorak, der sich zusammen mit seinen zwei Hunden vor dem Markt auf dem Pflaster ausruht. Er hat eine Weinflasche im Arm.
Wegen der Hunde werfe ich einen freundlichen Blick auf ihn und nicke ihm zu. Drinnen platzt die gottverdammte Bäckereitheke aus allen Nähten. Glasiertes, Fett- und Zuckerhaltiges, mit Creme Gefülltes, hundertdreitausend Sorten Brot, Brötchen, Zungen, Krapfen, Schnecken, Beutelchen, Biskuits, Laugen, Brezeln. Es gibt ein Angebot 1 Kaffee und ein Stückchen für 1,95. Das nehm ich, sag ich der einen Bedienung, als ich dran bin. Die andere, auftoupiertes Haar, SCHRECKSCHRAUBE kräht gleich dazwischen, als ich frage, ob ich statt Kaffee auch Cappuccino haben kann: Das ist dann aber 20 Cent teurer!
Ich winke ab. Na gut. In meinem abgestumpften Geist macht sich aber der Gedanke breit, ob wir einer weltweiten Milchknappheit unterliegen, irgendein Agrarstaat ein Milchembargo ausgesprochen hat - immerhin sparen sie sich ja durch den Milchschaum diesen blöden Napf Kondensmilch, den es beim normalen Kaffee dazu gibt.
Genau in diesem Moment, es war genau dieser Moment, beschließe ich, von dem Restgeld den Fünf-Euro-Schein zu nehmen und dem Mann draußen vor der Tür zuzustecken. Plus die Tüte Hundeleckerlis, die ich noch im Auto liegen habe.
ElsaLaska - 27. Feb, 18:30
wenn ich von Leuten höre, deren Eltern relativ jung gestorben sind, ich weiß nicht was ich sagen soll. Manchmal beneide ich sie, ich gebe das wirklich zu. Mit Papa geht es schon seit 30 Jahren bergab, die letzten drei Jahre hat er abgebaut, ist zusammengefallen, vergreist - es tut mir weh, ihn im Krankenhaus zu sehen. Hinzu kommt, dass er dieses Mal, obwohl er ein geduldiger Patient ansonsten ist - was bleibt jemandem übrig, der jedes Jahr im Schnitt drei Wochen Krankenhaus absolviert - sehr zornig ist. Die blöden Schwestern. Sie gehen nicht auf ihn ein, sie haben lieber jüngere Patienten, mit denen sie leichter kommunizieren können. Natürlich. Sie wurden ja nicht auf Altenpflege ausgebildet. Aber daneben stelle ich trotzdem fest, dass innerhalb dieser Gesellschaft die Fähigkeit verloren geht, mit Alten umzugehen. Oh, nicht dass das leicht wäre, aber sie geht einfach verloren. Vermutlich, weil niemand mehr groß mit Alten zu tun hat.
Ich denke mir oft: und dann soll man also noch 10 Euro zuzahlen zum Krankenhaus pro Tag.
Dafür, dass ihre verreckten Klingeln nicht gehen. Mein Vater lag neulich stundenlang auf dem Boden, weil die Klingel NICHT funktionierte. Gottseidank hat er einen netten Mitpatienten, ein Türke ("Wir werden ja alle mal alt! Deshalb helfe ich gern!"), der ihn vom Boden auflas, als er vom Stöhnen meines Vaters wach wurde. Ich meine, er hätte seinen x-ten Herzinfarkt haben und verrecken können derweil. Und dann hieß es: Ja aber die Hausmeister haben ab Freitag frei. Wieso bin ich eigentlich nicht HAUSMEISTER geworden??? Erst auf indirektes Drohen - wenn das nochmal passiert und mein Vater stirbt ist hier was los - kam dann der Not-Handwerker und machte die Klingel.
Ich habe das neulich sogar artikuliert gegenüber einer älteren Patientin, mit der ich ins Gespräch kam, vorm Fahrstuhl - und ziemlich gescholten. Was ich nicht bedacht hatte, war, dass die Pförtnerin des Krankenhauses durch den Halleffekt und die offenstehenden Türen nach dort alles mitbekommen hat, was ich so aus mir herausströmen ließ. Ich ging nach draußen, an ihr vorbei, fühlte mich ANGESTIERT und es war einer der wenigen Momente, wo ich mich nicht schlecht deshalb fühlte, sondern weil ich mir dachte: So, das ist die Wahrheit mit eurem ganzen Scheiss-Gesundheitssystem.
Das Letzte vom Letzten, dann hast du es halt gehört, Pflunze.
Das waren mir die 10 Euro pro Tag mehr als wert.
ElsaLaska - 25. Feb, 23:30
aber so klingt es ganz gut:
"Zen basiert auf der Überzeugung, dass jeder Mensch die Fähigkeit zur Erleuchtung besitzt [außer den kreuz.net-Typen-Anm. Elsa]. Man muss dazu lediglich mithilfe der Meditation zu seiner wahren Natur durchdringen. Dabei ist es von großer Bedeutung, in der Gegenwart zu leben, ohne mit Bedauern an die Vergangenheit zu denken oder sich vor der Zukunft zu fürchten." Dean Hamer: Das Gottes-Gen.
Das ist übrigens eine Aussage, die sich bei Mystikern bzw. spirituell hochstehenden Leuten aller Religionen so findet. Du musst den Moment leben, im Hier und Jetzt. Völlig präsent sein. Ich muss das hier eintragen, weil ich sowohl mit der Vergangenheit als auch mit der Zukunft die größten Probleme habe. Und auch heute gelang es mir nicht, eigentlich bei einem Ereignis voll da zu sein, auf das ich mich schon seit Tagen freute. Ich hing altem Verdruss nach oder geierte auf die Zukunft (weil das Essen so lange brauchte, bis es serviert wurde).
Ich war nicht DA.
ElsaLaska - 25. Feb, 22:25