vom Grab meines Vaters liegt das ebenfalls noch frische Grab eines jungen Türken - er ist gerade mal 16 Jahre alt geworden. Die Fahne eines türkischen Fußballvereins steckt in der Erde neben seinem - nicht Holzkreuz - wie heißt das, wenn es kein Kreuz ist, geht ja nicht, nur ein hölzernes Schildchen mit einem Dach drüber? - Ganz viele Laternen stehen drauf, Teelichter, sogar eine solarbetriebene Laterne steckt in der Erde, auf dass er viel Licht haben möge. Und zu jeder Stunde glüht in einer Schale Weihrauch vor sich hin. Ich weiß nicht, wie sie das machen, ob die Angehörigen jeden Tag viermal hingehen und diesen Weihrauch anzünden - jedenfalls glüht der immer und duftet und raucht das ganze Geviert ein. Es gefällt mir. In der Reihe dahinter ist ein älteres, bereits eingefasstes Grab eines 18jährigen, man hat ein Fotomedaillon auf dem Grabstein angebracht. Er war bei der Bundeswehr und ist entweder im Kosovo oder in Afghanistan gestorben, ich kriege es nicht mehr erinnert, weil ich mittlerweile in der Küche in Italien sitze und nicht mehr nachschauen gehen kann.
Aber es gibt auch gute Nachrichten.
Gestern mittag klappte ich die Läden des Kaminzimmers auf, das ist im ersten Stock, man kann von dort aus die ganzen Reben des Nachbarn überblicken und in der Ferne sehe ich eine weißhaarige Gestalt mit Kappe langsam die Reben abschreiten, die jetzt die ersten kleinen Blättchen bekommen - es ist Armando. Er lebt noch und ist sogar in der Lage, wie es scheint, alleine einen kleinen Spaziergang zu machen - wie er es immer zu tun pflegte - nach dem Wein schauen.
Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Morgen oder übermorgen werde ich rübergehen und ihn begrüßen. Schön, dass mein "italienischer Vater" wenigstens noch am Leben ist - ich hatte nicht damit gerechnet, ihn nochmal lebendig anzutreffen.
Insofern ist es gut, hier zu sein. Sowieso.
ElsaLaska - 27. Mär, 21:48
Die Originalität des hethitischen religiösen Denkens wird v.a. in der Neuinterpretation einiger wichtiger Mythen greifbar. Eines der bemerkenswertesten Themen ist der "Gott, der verschwindet". In seiner bekanntesten Version ist Telipinu der Protagonist. Andere Texte übertragen diese Rolle seinem Vater, dem Wettergott, dem Sonnengott oder auch bestimmten Göttinnen. Der Hintergrund ist - wie auch der Name Telipinu - hattisch. Die hethitischen Versionen wurden im Zusammenhang mit verschiedenen Ritualen verfaßt, d.h. also, die Rezitation des Mythos spielte im Kult eine entscheidene Rolle.
Da der Anfang der Erzählung verloren ist, wissen wir nicht, warum Telipinu beschließt, zu "verschwinden". Möglicherweise, weil die Menschen ihn verärgert haben. Die Folgen seines Verschwindens werden unmittelbar spürbar. Die Feuer im Herd verlöschen, Götter und Menschen fühlen sich "bedrückt", das Schaf verließ sein Lamm und die Kuh ihr Kalb; "Gerste und Emmer reiften nicht mehr", Tiere und Menschen begatten sich nicht mehr; die Weideflächen dörrten aus, und die Quellen versiegten.
(Dies ist möglicherweise die erste literarische Version des bekannten mythologischen Motivs des "gaste pays", des öden Landes, das durch die Gralsromane berühmt wurde).
[...]
Schließlich schickt die Muttergöttin die Biene, diese findet den Gott schlafend in einem Hain und weckt ihn durch ihren Stich. Telipinu aber ist erzürnt und bewirkt solches Unheil im Lande, daß die Götter Angst bekommen [...] durch magische Zeremonien und Formeln wird Telipinu von seinem Zorn und vom "Bösen" gereinigt. Beruhigt kehrt er schließlich in den Kreis der Götter zurück - und das Leben geht wieder seinen gewohnten Gang.
Mircea Eliade: Geschichte der religiösen Ideen. Band I. Von der Steinzeit bis zu den Mysterien von Eleusis. Freiburg i. Breisgrau 1978.
ElsaLaska - 22. Mär, 17:22