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Sanguis martyrum - Die Situation in Mali

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Ein Gastbeitrag von Olaf Tannenberg.

Die Fastenzeit und die daran anschließenden Kar- und Osterfeiertage sind für Christen von besonderer Bedeutung. Wir erleben Wochen des Besinnens, des Gefühls banger Vorahnungen, Hoffnungen und Erwartungen, die aus dem Tal tiefer Traurigkeit wegen des Kreuzgangs des Erlösers in die triumphale Hochstimmung seiner Auferstehung führen. Für mich war es dieses Mal eine Zeit wertvoller Erfahrungen: Ich habe binnen weniger Tage erleben dürfen, wie bedrückend sich der Anblick von Tod, Zerstörung, Armut und Leid auf die Seele eines Menschen auswirkt - und wie schnell wohlgesonnene Menschen mit friedfertiger Freundlichkeit und erwartungsfroher Hoffnung diese Verzweiflung zu heilen vermögen, so dass man daran wachsend zugleich demütiger wird.

Unsere heutige gedankliche Reise durch die Länder, in denen Christen verfolgt und diskriminiert, getötet und geschunden, verschleppt und vertrieben werden, führt uns in die westafrikanische Republik Mali. Dass dieses Land urplötzlich nach den üblich gelisteten Staaten Nordkorea, Saudi-Arabien, Afghanistan und Irak, zwischen den Malediven und dem Iran, auf Platz 7 auf dem Weltverfolgungsindex des christlichen Hilfswerks ›Open Doors‹ auftaucht, hätte zu Beginn des Jahres 2012 niemand vorhersagen können. Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit verwandelte sich eine vorzeigbare Demokratie mit säkularer Verfassung in ein zerrissenes, konfliktbeladenes Land, in dem Politiker in dem Maß an Macht verloren wie islamistische Hassprediger an Einfluss gewannen. Mit dem Aufstand der Tuareg im Norden des Landes und der Einmischung islamistischer Gruppen begann ein blutiger Bürgerkrieg. Der Putsch von Teilen des Militärs verschärfte die Situation. Und wie so oft geriet die religiöse Minderheit der Christen zwischen alle Fronten.

Eigentlich ist Mali ein zauberhaftes Land, in dem sich karge Wüstenlandschaften und blühende Oasen abwechseln, in denen Felsmassive wie vergessene Spielzeugbausteine von längst ausgestorbenen Riesen ein wenig Schatten spenden, in dem die Menschen trotz ihrer Armut sehr freundlich und tolerant sind. Der islamische Glaube der Mehrheitsgesellschaft ist äußerst moderat, Christen und Angehörige animistischer Religionen (wie etwa die Dogon) wurden geduldet, sie konnten ihren Glauben weitestgehend ungestört ausüben und hatten einen festen Platz in der Gesellschaft.
Von den etwa 15 Millionen Maliern bekennen sich etwa zwei Prozent zum Christentum, rund 200.000 Einwohner gehören der römisch-katholischen Kirche an.

Seit April 2012 herrscht Krieg im Norden Malis. Opfer dieses Krieges sind die moderaten Muslime ebenso wie die Christen. Mit den Islamisten kam die Scharia, Menschen wurden wegen angeblicher Verbrechen ausgepeitscht, verstümmelt, hingerichtet. Christliche Kirchen wurden zerstört wie auch islamische Heiligtümer, die zum Weltkulturerbe zählten. Der von den separatistischen Tuareg ausgerufene Staat Azawad im Norden Malis hatte nicht lange Bestand; die islamistischen Gruppen vertrieben ihre einstigen Verbündeten und errichteten Terrorregimes, insbesondere in den Oasenstädten, wie Gao, Kidal und Timbuktu. Die Christen, deren Leben plötzlich bedroht war, flohen in den Süden des Landes, nach Niger, Burkina Faso oder andere Nachbarländer. Nur einige wenige Christen leben noch im Norden; sie praktizieren ihren Glauben im Verborgenen.

Diese rasende Welle der Gewalt gehört zu den wenig glücklichen Folgen des ›Arabischen Frühlings‹ und dem damit verbundenen Vormarsch des radikalen Islam im afrikanischen Norden. So befindet sich Mali im Operationsgebiet der sogenannten ›Al-Qaida im Maghreb‹. Die in Mali agierenden Islamisten sind selten Malier, sondern hauptsächlich Araber, insbesondere aus Algerien, Libyen und anderen Staaten des Maghreb. Von säkularen Kräften vertrieben, fanden sie in Mali ein neues Schlachtfeld für ihren ›heiligen Krieg‹. Ihre Methoden: Bürgerkrieg, Terror, Attentate, Folter und Mord. Auch die Tuareg mussten erkennen, wie wenig fruchtbringend ein Bündnis mit Dschihadisten ist, denn der Dschihad kennt keine Regeln. Aus der Sicht der ›Gotteskrieger‹ sind Heimtücke, Verrat und Lüge erlaubte Mittel.

Erst nach einigem Zögern konnte Mali Hilfe erfahren. Nach einer im Oktober 2012 erlassenen UN-Resolution griffen Frankreich und die Staaten der Westafrikanischen Wirtschaftsunion (ECOWAS) ein. Am 11. Januar begann die ›Operation Serval‹. Soldaten aus Frankreich, ausgezeichnete Wüstenkämpfer aus dem Tschad und Truppen der ECOWAS-Staaten befreiten endlich die Menschen in Nordmali aus dem Würgegriff der Extremisten und arbeiten nun an der Sicherung der Gebiete. Noch immer sind die Terrorgruppen stark genug für brutale Überfälle, besonders auf Gao und Kidal, wobei sie keinerlei Rücksicht auf das Leben der Zivilbevölkerung nehmen.

Ja, man kann Militäreinsätze differenziert bewerten - in Mali ist er sinnvoll und richtig. Die freundlichen und liebenswürdigen Menschen in Mali wollen nicht unter einem Terrordiktat von rücksichtslosen Islamisten leben, die sie ›les diables‹, die Teufel, nennen. Sie haben jede nur mögliche Unterstützung verdient, um wieder ein friedliches Leben in einem ruhigen, stabilen Land zu führen. Denn nur in der Ordnung gedeiht der Friede. Mali kann wieder ein Staat werden, in dem Muslime, Christen und andere wie zuvor ohne größere Konflikte zusammenleben. Dazu müssen alle Teile der Gesellschaft, die gemeinsam den Weg des Friedens gehen wollen, eingebunden werden.

Dann - und nur dann - wird das Christentum in Mali einen dauerhaften Bestand haben. Denn seine Infrastruktur ist innerhalb weniger Monate der Terrorherrschaft fast vollständig zerstört worden. Es mag unfassbar klingen, welch schreckliche Verheerungen eine gewalttätige Rotte von 2.000 bewaffneten Extremisten anrichten kann. Es wird lange dauern, bis alles wieder aufgebaut sein wird, aber die Vorzeichen sind besser als anderswo. Wenn alle Beteiligten jetzt umsichtig handeln, wird es wieder Frieden und Demokratie, Ruhe und Stabilität geben. Manchmal muss all dies leider erzwungen werden, damit der Weltfriede gedeihen kann und die Völker miteinander wachsen können. Besonders für uns als Angehörige der Religion des Friedens und der Versöhnung ergibt sich daraus eine Mitverantwortung.

Erinnern wir uns an den emeritierten Papst Benedikt XVI. und seine Botschaft zum Weltfriedenstag 2013: »Die Verwirklichung des Friedens hängt vor allem davon ab anzuerkennen, dass in Gott alle eine einzige Menschheitsfamilie bilden.« Der erst vor wenigen Wochen gewählte Papst Franziskus flehte anlässlich des großen Friedensgebets beim ›Urbi et Orbi‹ 2013 auch für Mali: »Unser Frieden ist Christus und durch ihn flehen wir um Frieden für die ganze Welt. [...] Um Frieden in Mali, dass es wieder Einheit und Stabilität erlange.«

Gott schütze Mali. Beten wir für die friedliebenden Menschen in diesem fernen Land, dessen Nachthimmel das Kreuz des Südens erstrahlen lässt. Beten wir für alle Menschen guten Willens, die sich - als Soldaten oder Zivilisten - in einer Liga der Anständigen und Vernünftigen für Land und Leute engagieren, ohne dabei ihre Gesundheit zu schonen, und ihr Leben dafür einsetzen. Dank ihnen muss ich vielleicht nicht eines Tages über malische Märtyrer schreiben. Und ein ganz persönlicher Wunsch: Herr, behüte besonders auch jenen tapferen tschadischen Offizier, der mir ein Freund geworden ist.

»Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden« (Mt 5,9)

Weiterführende Links:
http://www.opendoors.de/verfolgung/laenderprofile/mali/
http://www.kathweb.at/site/nachrichten/database/53810.html
Bildnachweis: AFP PHOTO / KAMBOU SIAKAMBOU SIA/AFP/Getty Images
Il capitano - 2. Apr, 16:07

Hintergrund: Die Akteure I

Ansar Dine (dt.: ›Unterstützer des Glaubens‹) ist eine islamistische Gruppe im Norden der westafrikanischen Republik Mali. Angeführt wird sie von Iyad Ag Ghaly, der eine der wichtigsten Figuren einer Tuareg-Rebellion in den 1990er Jahren war und die ›Volksbewegung im Azawad‹ anführte. Deren Überfall auf eine Militärkaserne gilt als Beginn der Rebellion. Ag Ghaly unterhält Verbindungen zu ›Al-Qaida im Maghreb‹ und anderen islamistischen Gruppen im Norden und Westen Afrikas.

Ziel der Gruppe ist die Einführung der Scharia in ganz Mali. Dazu Ag Ghaly: »Ich will keine Unabhängigkeit, ich will die Scharia für mein Volk. Wir sind gegen Revolutionen, die nicht im Namen des Islam sind.« Letztere Aussage führte auch zum Verrat an den anfänglichen Verbündeten, den Tuareg der MNLA, die für einen autonomen Staat Azawad eintreten.

Im Juni 2012 befanden sich die drei nordmalischen Regionen Gao, Kidal und Timbuktu in der Hand der Islamisten und ihrer Verbündeten. Unter deren Herrschaft mussten Frauen sich verschleiern, Dieben wurde ohne Gerichtsverfahren die Hand abgehackt, Alkohol und internationale Musik wurden verboten. Es kam zu Gefechten zwischen Ansar Dine und der säkularen MNLA, da letztere die Scharia nicht anerkennen wollten. Sie endeten mit der Vertreibung der Tuareg aus den Städten. Zwischen Mai und Juli 2012 zeichneten Kämpfer von Ansar Dine für die Zerstörung von zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Mausoleen muslimischer Heiliger verantwortlich.

Es sollten mehr als sechs Monate vergeben, bis die Menschen in Nordmali von ihren Bedrückern befreit wurden.

ElsaLaska - 2. Apr, 18:11

Die Ostermarschierer

sehen das wieder anders:

>>Die Teilnehmer des Rhein-Ruhr-Ostermarsches demonstrierten dieses Jahr vor allem gegen Rüstungsexporte und forderten den Rückzug deutscher Soldaten aus Afghanistan und Mali. <<

Ich fordere, mehr Ostermärsche von deutschen Zivilisten in Krisengebieten.
Obwohl, das Ruhrgebiet .... ;-)

Last not least: Vielen Dank für die kompakten und aufschlussreichen Informationen!
Il capitano - 2. Apr, 18:26

Ja, vor Ort zu demonstrieren ist viel effektiver ;-)

Zwei 'Hintergründe' kommen noch, vielleicht kommen einige Begriffe auch den Rhein-Ruhr-Ostermarschierern bekannt vor ...
clamormeus (Gast) - 2. Apr, 19:38

>> ...und forderten den Rückzug deutscher Soldaten aus Afghanistan und Mali<<

Wenn man dem nicht mal ein "Al Quaida raus aus Mali, Taliban raus aus Afghanistan" hinzusetzt, sagt man dann nicht implizit mit: Malis und Afghanen, unterwerft euch der Scharia, oder zieht eben zusammen mit den deutschen (oder westlichen) Truppen ab aus eurer Heimat?

Merkwürdiges "Pazifismus" - Verständnis. *find*
Il capitano - 2. Apr, 19:52

Sagt jetzt nicht, ihr kennt nicht das neue Motto der Ostermarschierer? Gut, es heißt:
»Lokal denken, global labern!«
Il capitano - 2. Apr, 18:40

Hintergrund: Die Akteure II

Die MNLA, die Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad, ist eine politisch und militärisch agierende Gruppe in Mali, die für einen unabhängigen Staat der Tuareg im malischen Norden kämpft. Sie umfasst derzeit etwa 4.000 Kämpfer, von denen viele für das Gaddafi-Regime in Libyen gekämpft haben sollen. Beteiligt war die Gruppe an mehreren Rebellionen gegen die Zentralregierung in Bamako. Im Januar 2012 soll sie mehrere Dutzend Regierungssoldaten ermordet haben, worauf es in Südmali zu Pogromen gegen dort lebende Tuareg kam.

Ende März 2012 eroberte die MNLA die Städte Gao und Kidal, Anfang April auch Timbuktu. Einige Tage später wurde die Unabhängigkeit des Azawad ausgerufen. Ihre Operationen führte die MNLA gemeinsam mit den vermeintlich verbündeten Kämpfern von Ansar Dine durch, doch mit der Verweigerung der Anerkennung der Scharia durch die MNLA zerbrach dieses Bündnis und die MNLA wurde von den Islamisten aus den eroberten Städten Nordmalis vertrieben.

Nach dem Eingreifen Frankreichs und der ECOWAS-Staaten schloss die MNLA sich dieser Allianz an und setzt nun auf eine politische Lösung für mehr Autonomie der Tuareg in Mali.

ElsaLaska - 2. Apr, 18:44

@il capitano

Und die ECOWAS-Staaten sind wer genau nochmal?
Il capitano - 2. Apr, 18:55

@Elsa

Die Staaten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft, also Benin, Burkina Faso, die Elfenbeinküste, Gambia, Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Kap Verde, Liberia, Mali, Niger, Nigeria, Senegal, Sierra Leone und Togo. Truppensteller sind Benin, Burkina Faso, Ghana, Guinea, Niger, Nigeria, Senegal und Togo, dazu der Tschad, der allerdings nicht zu den ECOWAS-Ländern gehört.
Il capitano - 2. Apr, 18:52

Hintergrund: Die Akteure III

Die AQMI, die Organisation Al-Qaida des Islamischen Maghreb (vormals Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf), ist eine radikal-islamische Gruppe aus Algerien. Sie umfasst 300 bis 400 Mitglieder und wird von Abdelmalek Droukdel geführt. Seit Ende 2006 gehört sie der Al-Qaida an und schloss einen von Al-Qaida vermittelten Frieden mit der radikalen ›Libyschen Islamischen Kampfgruppe‹. Seither bezieht sie aus Libyen Waffen, darunter Luftabwehrraketen und panzerbrechende Munition.

Die AQMI gilt als eine der bestorganisierten und gefährlichsten Terrorgruppen der Welt. Allein im August 2008 gehen drei Anschläge mit insgesamt 93 Toten und mindestens 38 Verletzten in Algerien auf diese Gruppierung zurück.

Gemeinsam mit Ansar Dine und der ›Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika‹ brachte die AQMI seit März 2012 den Norden Malis unter Kontrolle und beteiligte sich an der Vertreibung der Tuareg-Bewegung MNLA. Neben Ansar Dine soll auch die AQMI an der Zerstörung von Mausoleen in Timbuktu beteiligt gewesen sein. In einem Gefecht Ende Februar 2013 bei Kidal verlor die AQMI mit Abdelhamid Abu Said einen ihrer wichtigsten Anführer.

ElsaLaska - 2. Apr, 19:20

@il capitano

Du solltest politisch-sicherheitspolitische Workshops oder Crashkurse zu globalen Krisen- und Bürgerkriegsgebieten geben ;-)

Il capitano - 2. Apr, 19:24

@Elsa

Das gehört zum Service der Serie. Es sind die anfangs zugesicherten, gelegentlichen Hintergrundinformationen ;-)
ElsaLaska - 3. Apr, 00:10

@il capitano

Bei Gelegenheit - aber NUR bei eventueller Gelegenheit - würde es mich mal interessieren, wie sich der Terror eigentlich so organisiert im Hinblick auf die Strukturen.
Oder nein, lass lieber, sonst schaltet sich der BND nachher noch dazu hier;-)
Il capitano - 3. Apr, 00:13

Das würde mir eh niemand glauben ;-)
ElsaLaska - 3. Apr, 00:21

@il capitano

Davon mal abgesehen - ich bin eigentlich ein fürchterlich träger Mensch. Also um meine Ziele zu erreichen mich mit irgendwelchen Pappnasen zusammen konspirieren, und sei es auch nur, um das Haus von Til Schweiger mit Farbgläsern zu bewerfen, liegt einfach nicht in meinem Denk- und Agierfeld. Wenn er mich tatsächlich nerven würde, hätte ich ihm halt einen möglichst sachlichen Brief geschrieben, aber hier denke ich womöglich auch zu dialogisch.
Das ist doch alles furchtbar anstrengend, dazu hätte ich keine Lust. Deutsche salafistische Konvertiten lassen sich irgendwo in Afghanistan lustvoll in der Wüste ausbilden, wie muss ich da drauf sein?
Il capitano - 3. Apr, 00:26

Die Motivation für eine 'Ausbildung' zum salafistischen 'Gotteskrieger' ist höchst unterschiedlich ;-)
ElsaLaska - 3. Apr, 00:29

@il capitano

Du kennst meine Faktor -P-Theorie, die wir hier gewiss nicht weiter ausbreiten werden ...
Mir scheint, die RAF ist irgendwie weggefallen - löblich ihre Gewaltabsage per Fax vor zig Jahren - jetzt braucht man Ersatz.
Il capitano - 3. Apr, 00:31

Deine P-Theorie kenne ich ... Nein, ein Salafist würde mit der RAF nichts zu tun haben wollen ;-)
ElsaLaska - 3. Apr, 00:35

@il capitano

Ich stieß neulich auf dieses wundervolle Zitat zur Geiselnahme an der US-Botschaft in Teheran '79 /'81:

„Die Sowjetunion hält eine amerikanische Intervention mit begrenztem Ziel und für begrenzte Dauer für nicht bedrohlich und gedenkt wahrscheinlich sogar, den dann noch weiter wachsenden Antiamerikanismus zu ihrem Vorteil propagandistisch auszunutzen. ... Insgesamt gesehen verläuft die Entwicklung im Iran durchaus im Sinne der Sowjetunion. Der revolutionäre Prozess ist wieder in Schwung gekommen.<<

Man darf sich, ich habe Lenin und Trotzki gelesen, durchaus fragen, inwiefern eine ISLAMISCHE Revolution eigentlich im Sinne der Begründer des sowjetischen Kommunismus gewesen sein sollte (insofern sie jedenfalls nicht einfach nur antiamerikanisch ist, aber mit der "Revolution" als solcher hat sie wohl kaum was zu tun.)
Il capitano - 3. Apr, 00:38

@Elsa

Ganz einfach. Was den Amerikanern schadete, erfreute die Russen, und was den Russen schadete, erfreute die Amerikaner. Man mochte sich gegenseitig halt noch weniger als eine islamische Revolution.
ElsaLaska - 3. Apr, 00:42

@il capitano

Das ist mir zu kompliziert *lacht
Il capitano - 3. Apr, 00:43

@Elsa

Hm, einfacher kann ich es nicht erklären :-))
Il capitano - 4. Apr, 15:01

Hintergrund IV: Warum Mali?

Aus gegebenen Anlass möchte ich noch eine vierte Hintergrundinformation nachliefern. Unbestritten und von Ethnologen immer wieder bestätigt ist der Umstand, dass in Westafrika ein äußerst gemäßigter Islam vorherrscht. In Bamako kann man, anders als bspw. in Libyen, ein Bierchen trinken gehen. Niemand trägt Burka, niemand wird öffentlich enthauptet usw.

Dass nun ausgerechnet Mali ins Fadenkreuz der Islamisten geriet, ist weniger die Schuld der moderaten Muslime dieses Landes, sondern begründet sich aus zwei Faktoren:

1. Nach dem Bürgerkrieg in Libyen wurden zahlreiche Kämpfer ›freigesetzt‹. Einerseits kehrten schwer bewaffnete Tuareg, die für Gaddafi gekämpft hatten, heim und griffen sofort erneut zu den Waffen, um den Tuareg-Staat Azawad zu errichten. Andererseits kamen auch die libyschen islamistischen Extremisten nach Mali, die von den dortigen liberalen Kräften vertrieben wurden.

2. Auch algerische Extremisten wurden ›in die Wüste gejagt‹ und fanden in Mali einen neuen Kriegsschauplatz. Die malischen Nachbarstaaten Mauretanien und Niger bekämpften ebenfalls die mörderischen Fanatiker von AQMI & Co. und trieben sie über ihre Landesgrenzen. All diese Länder grenzen an Nordmali.

Somit war Mali der einzige für sie erreichbare Ort, an dem die islamistischen Kräfte weiter operieren konnten. Den etwa 6.000 gut bewaffneten und von anderen Gruppen logistisch unterstützte Terrorgruppen und Tuareg-Rebellen standen knapp 4.000 schlecht ausgebildete und noch schlechter ausgerüstete malische Soldaten entgegen. Die halbherzig und dilettantisch geführten Abwehrkämpfe der malischen Regierung, in denen die Soldaten blindlings ›verheizt‹ wurden, führte schließlich zu einem Militärputsch unter Hauptmann Amadou Sanogo. Damit war das Chaos vollends perfekt.

Die Situation in Mali, die hauptsächlich von den Nachbarstaaten verursacht wurde, auf bestimmte Problematiken in Europa übertragen zu wollen, ist ein Apfel-Birne-Vergleich. Denn Europa wäre, so es denn gewollt sein würde, in der Lage, sich bereits im Vorfeld vor malischen Zuständen zu schützen. Die armen, schutzlosen Menschen in Nordmali hingegen waren völlig überrascht und wussten gar nicht wie ihnen geschah. Auch die moderaten Muslime.

Wir sind in mancherlei Beziehung dagegen einfach nur blind und leichtfertig. Aber das ist ein anderes Thema.

ElsaLaska - 4. Apr, 19:27

@il capitano

Der war wichtig - danke.
Er steht, für die übrigen Mitleser, in lockerem Zusammenhang zu der Diskussion bei Alipius hier:

http://blog.derherralipius.com/2013/04/verfolgungs-wahn.html
Il capitano - 4. Apr, 20:00

Im Krankenhaus Gao lag ein junger Mann um die dreißig, dem wegen eines Diebstahls ohne Urteil die rechte Hand abgeschlagen wurde. Er sagte aus, man habe sich um ihn gekümmert, ihm Medikamente gegeben und ihm gesagt, nun sei ihm seine Schuld vergeben. Dieser Mann, ein Schwarzafrikaner, wusste überhaupt nicht, was und warum ihm dies angetan wurde. Er wusste nicht mal, dass er sich derart schuldig gemacht hatte, um so bestraft werden zu müssen, denn das wurde ihm eingeredet. Aber er nahm sein Schicksal mit der Naivität des gottesfürchtigen, aber sehr bildungsfernen Menschen einfach hin, als müsse es eben so sein. Gleichzeitig war da ein fast kindisches Erstaunen darüber, dass man das mit ihm gemacht hat.

Solche Menschen mit prügelndem, extremistischem Mob auf eine Stufe zu stellen, verletzt mich. Das war nicht die Absicht, die ich mit meinen Beiträgen verfolgt habe. Mein Gerechtigkeitssinn verbietet mir, undifferenziert vorzugehen und nicht zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden. Mein Anspruch an mich selbst war es, Ross und Reiter zu benennen, nicht aber Vierbeiner und Zweibeiner pauschal zu bewerten.
ElsaLaska - 4. Apr, 20:18

@il capitano

Mali war demnach nie ein vom politischen Islam dominierter Staat, soweit ich informiert bin?

Es ist halt dann schon so: Wo der Staat islamisch, und nicht mal islamistisch geprägt ist, da auch Scharia. Ich denke nicht, dass die Scharia nur eine islamistische brutale Variante von (Nicht)Rechtsprechung ist - gibt ja keine Verhandlungen - , sondern eben umgesetzt wird, sobald ein Staat sich nach den Grundsätzen des Islam ausrichtet/bekennt.
Das ist, denke ich, das Problem.
Il capitano - 4. Apr, 20:22

@Elsa

Mali wurde nach der Entlassung aus der französischen Hoheit ein säkularer Staat. Obwohl religiös vom Islam geprägt, wurde eine säkulare Verfassung erlassen. Und natürlich wird die Scharia vorrangig in nicht-säkularen islamischen Staaten in der Rechtssprechung genutzt, zum Teil absolut, zum Teil aber auch nur im Rahmen der Zivilgerichtsbarkeit und nicht im Strafrecht.
ElsaLaska - 4. Apr, 20:34

Die Staaten meinte ich mit islamistisch,

die auch auf das Scharia-Strafrecht zurückgreifen, gegen das die Hl. Inquisition wie ein modernes Verfahren vor dem Den Haager Gerichtshof anmutet ...
Il capitano - 4. Apr, 20:37

So groß ist der Unterschied zwischen heutiger Scharia und gewesener Inquistion nun auch wieder nicht :-)))
ElsaLaska - 4. Apr, 20:40

Immerhin gab es da ein Verfahren

mit Zeugenanhörung, und einfaches Verleumden reichte nicht mehr aus - im Gegensatz zu vorher.

Während du weiter oben schon schreibst, es gab überhaupt kein Verfahren und auch kein Urteil bei dem jungen Mann....
Il capitano - 4. Apr, 20:42

Die meisten Inquisitionsverfahren fanden aufgrund einer Denunziation statt. Und ein Verfahren, in dem Richter und Ankläger aus einer unantastbaren Person bestanden und jedwede Verteidigung unzulässig war, ist nun wirklich nicht der Gerichtshof in Den Haag ;-)
ElsaLaska - 4. Apr, 20:44

@il capitano

Drum schrieb ich auch "anmuten" :-)

PS: dradio ist üblicherweise der katholischen Anbiederung unverdächtig:
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/609663/
Il capitano - 4. Apr, 20:46

Wir können dich ja mal in einen Folterkeller sperren, mal sehen, wie anmutend du es dort findest ;-)

(Schluss jetzt, das wird mir zu ...)
Il capitano - 4. Apr, 20:51

@Elsa

Wozu soll mein Gastbeitrag hier eigentlich noch missbraucht werden, hm?
ElsaLaska - 4. Apr, 21:08

@il capitano

Ja, hast ja recht. Zurück zur Rubrikentreue!

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cantare

Ich bin einfach hingerissen,
da ist so viel in diesem Monolog, von dem man oberflächlich...
ElsaLaska - 20. Aug, 19:55
Houellebecq ist ein sehr...
Wobei man jetzt keine Kristallkugel brauchte. Mir imponiert,...
Elsa (Gast) - 12. Aug, 17:50
Hui, das war aber ein...
Hui, das war aber ein wilder Ritt durchs Stadtbild...
NeonWilderness - 11. Aug, 23:45
Privet, fbtde!
Schön, von dir zu hören. Offenbar lebst du also auch...
ElsaLaska - 2. Aug, 10:27
Oha
Du lebst auch noch. Gut zu wissen!
fbtde - 2. Aug, 08:31

attenzione

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