Ulrich Nersinger: Tatort Konklave

Die Papstwahl, das Konklave, das heißt die Versammlung der wahlberechtigten Kardinäle aus aller Welt hinter den verschlossenen Türen der Sistina, zählt zu den letzten ganz großen Medienereignissen und fasziniert Katholiken wie Ungläubige und Atheisten gleichermaßen.
Der ganze Erdball scheint dann auf den dünnen eisernen Kamin zu starren, der so rührend nach Provisorium ausschaut (weil er eines ist), um über die Farbe des aufsteigenden Rauches zu rätseln.
Obwohl auch heute noch nicht unbedingt alles nach Plan abläuft bei einem Konklave, geht es doch erheblich ruhiger zu, als zu manch anderen Zeiten. Der Kirchenhistoriker und Vatikanist Ulrich Nersinger hat es nun unternommen, einen kleinen chronologischen Überblick zu den intrigenreichsten, spannendsten und unwahrscheinlichen Konklaves der Kirchengeschichte zu geben. Dabei ging es dem Autoren nicht um ein Klagschrift in Form einer chronique scandaleuses, wie er selbst im Vorwort auch betont. Sein Streifzug durch die Kirchengeschichte mit ihren Höhen und Tiefen soll vor allem informieren, unterhalten und letztlich aufzeigen, dass Gott der Herr allen Geschehens ist und selbst auf krummen Zeilen gerade zu schreiben vermag.
Schon der Einstieg ist vielversprechend: 1241 fand eine Papstwahl statt, die unter absolut verheerenden Bedingungen im Septizonium zu Füßen des Palatin abgehalten wurde. Senator Maffeo Rosso Orsini hatte Gregor IX. auf dem Sterbebett versprochen, dass er alle notwendigen Mittel einsetzen würde, um eine schnelle Wahl eines Nachfolgers zu garantieren. Friedrich II. war auf dem Weg nach Rom und der sterbende Papst fürchtete die Einmischung des Kaisers. Orsini macht vollen Ernst und lässt in Windeseile alle in Frage kommenden Kardinäle ergreifen, in das verfallene Gebäude bringen und festsetzen. Die Zustände dort sind schlimmer als in einem Verlies, und weil sich die Kardinäle nicht einigen können, dringt Orsini schließlich mit gezücktem Schwert in das Gebäude ein und bedroht die gefangenen Kardinäle: Sie sollen jetzt endlich einen Papst wählen! Doch das Martyrium geht weiter, die Bewacher der Kirchenfürsten vergnügen sich lautstark in den Ruinen der Anbauten mit Huren und Strichjungen, sie schütten Jauche durch das marode Dach und nicht wenige Kardinäle erkranken, ohne dass man einem Arzt den Zutritt erlaubt. Nach zwei Monaten einigt man sich auf Coelestin IV., der sechzehn Tage nach seiner Wahl stirbt.
Beim Konklave von 1271 in Viterbo hat der heilige Buonaventura mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Anstatt zügig einen Nachfolger für den in Viterbo verstorbenen Papst Clemens IV. zu wählen, streiten die Kardinäle, beschimpfen die Bürger und verlangen ausgerechnet vom heiligen Buonaventura, der als Prediger zugegen ist, sie nicht weiter mit Bibelworten zu belästigen. Das Konklave in Viterbo verläuft fast ebenso chaotisch, wie das von 1241. Als einer der Kardinäle gen Himmel zeigt und ausruft, vielleicht solle man besser das Dach abdecken, damit der Heilige Geist besser Zugang fände zur Versammlung, setzt der Stadthauptmann dies in die Tat um. Das Dach wird teilweise abgedeckt, ein Handwerker kommt dabei zu Tode. Schließlich können sich die - nun den Unbilden der Witterung schutzlose preisgegebenen - Purpurträger 1007 Tage nach dem Tode Clemens IV. auf Teobaldo Visconti einigen. Dieser trifft als Gregor X. drei Jahre später mit einer Apostolischen Konstitution Vorsorge, damit ähnliches nicht wieder geschieht: Falls sich die Kardinäle nach drei Tagen nicht entschieden haben, erhalten sie nur noch eine Mahlzeit am Tage. Falls dies nach weiteren fünf Tagen nicht geschehen ist, sollen sie auf Brot, Wasser und Wein gesetzt werden, bis ihre Wahl erfolgt sei.
Weiter geht es durch die Jahrhunderte. Wie ging es eigentlich in dem Konklave zu, das den berüchtigen Borgia-Papst Alexander IV. zum Oberhaupt der Christenheit einsetzte?
Wie erging es dem vorletzten deutschen Papst, Hadrian IV., bei seiner Wahl 1522? Wurden die Siegel tatsächlich schon einmal gebrochen und weshalb? Gab es jemals Frauen im Konklave?
Und schließlich, ganz aktuell, erzählt Nersinger auch vom Konklave 2013 - dem "angekündigten Konklave", etwas, das es nie zuvor in der Kirchengeschichte gegeben hat.
Insgesamt sind es 20 historische Wahlversammlungen, über die Nersinger ebenso faktenreich wie erzählerisch versiert berichtet. Am Ende hat man einen spannenden Parcours durch 800 Jahre Papstwahl mit Intrigen, Verrat, Bestechung und ungeklärten Todesfällen durchmessen, der ebenso lehrreich wie unterhaltsam vorgetragen wurde. Dass hinter allem der Heilige Geist auf seinen eigenen Wegen wirkt, daran lässt Nersinger keinen Zweifel. Hierzu eine schöne Anekdote aus der Einleitung zu seinem Buch:
"In ihrem Buch 'Die Papstmacher. Die Kardinäle und das Konklave' berichtet Crista Kramer von Reisswitz von einer Geschichte, die über Karl Borromäus erzählt wird. Der Heilige hatte im Konklave von 1572 den anderen Kardinälen geraten, Ugo Boncompagni zum Papst zu wählen. Die Purpurträger hatten ein offenes Ohr für den Rat des Erzbischofs von Mailand. Das Konklave wurde eines der kürzesten der Geschichte (es dauerte nur 24 Stunden) und endete mit einer einstimmigen Wahl. Boncompagni regierte hoch angesehen als Gregor XIII. bis 1585. Als einige Zeit nach dem Konklave herauskam, dass der Papst einen natürlichen Sohn hatte, wurde der Mailänder Oberhirte vorwurfsvoll gefragt, ob er dies denn nicht gewusst habe, als er ihn zum Papst vorschlug. Der heilige Karl Borromäus antwortete: "Ich nicht, aber der Heilige Geist hat es gewusst - und es hat ihm nichts ausgemacht."
Das angehängte Glossar und das Literaturverzeichnis machen das Buch nicht nur zu einer interessanten Lektüre, sondern auch zu einem nützlichen Nachschlagewerk.
Ulrich Nersinger:
Tatort Konklave
ISBN 978-3-930883-60-8
Verlag Petra Kehl, Künzell
Bestellbar hier.
ElsaLaska - 17. Feb, 10:53
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