Elsas Nacht(b)revier



Francois Gérard: St. Térèse d'Avila

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Euthanasie-Gedenkstätte bei Klingenmünster (Südpfalz)

Nein, ich bin nicht in das dortige Pfalzklinikum eingeliefert worden, ich hatte lediglich einen Ausflug auf die Burg Landeck gemacht, die sich oberhalb des Geländes des Pfalzklinikums befindet.
Dann entdeckte ich das Schild "Gedenkstätte", auf der Straßenseite gegenüber des Klinikums.
Neugierig geworden besuchte ich das Mahnmal, welches von den meisten Besuchern der Süddeutschen Weinstraße eher links liegen gelassen wird.
Ich hielt dort eine Gedenk- und Gebetsminute für die über 2.000 Opfer von Euthanasie im Dritten Reich ( genauer, in den Jahren 1940-1945) ab, die in der psychiatrischen Einrichtung des Klinikums Klingenmünster beseitigt wurden. Und zwar, weil, wie die Inschrift der Gedenktafel formuliert:

"... sie krank, schwach, oder einfach anders waren."

Ich verließ das Gelände dann, weil ich spürte, wie in mir die Verzweiflung darüber hochstieg, dass in vielen Staaten Europas mittlerweile auf dem gesetzlichen Wege versucht wird, Menschen, die krank, schwach oder einfach anders sind, zu euthanasieren.
Und niemand scheint sich mehr groß etwas dabei zu denken ...

Klingenmuenster
Taras Sirko - 31. Aug, 20:42

Ja.

So ist es. Niemand scheint sich mehr groß etwas dabei zu denken. Damals, während der dunkelsten Zeit Deutschlands, war es nicht anders. Es gab keinen nennenswerten Widerstand gegen die Euthanasie, weil die Nazis es verstanden haben, mit den ureigenen Ängsten der Menschen zu spielen. Im Hitler-Staat waren es die "Volksgesundheit" und der Verweis auf "schlechtes Erbgut", die man bemühte, um sich "unliebsamer" Menschen zu entledigen. Und weil das funktioniert hat, ging man zu einem noch umfassenderen Massenverbrechen über: zum Holocaust.

Heute argumentiert man hinsichtlich der Euthanasie mit der Würde und Selbstbestimmung des Menschen. Manchmal frage ich mich ernsthaft, welche Argumentation die perfidere ist ...

ElsaLaska - 31. Aug, 22:13

@Taras

Auch wenn Frau Schwarzer hier nicht drin vorkommt, war mir der Eintrag doch außerordentlich wichtig, der Besuch dort kürzlich erschütternd.
Danke also auch hier für deine Gedanken dazu.
Taras Sirko - 31. Aug, 23:47

@Elsa

Es ist ja auch ein wichtiges Anliegen. Die Euthanasie, meine ich, nicht Frau Schwarzer (schreibt man wohl besser dazu ...).

Ich war mal zur Besichtigung in Hadamar. Da war auch eine Euthanasie-Anstalt. Irgendwie meint man noch das ganze Leid zu spüren. Schon beklemmend.
Fidelis (Gast) - 31. Aug, 23:50

@Taras

Im 3. Reich wollte die Staatsführung aus ideologischen Gründen alle Menschen, die nach seiner Definition als "unwert" galten vernichten. Es war eine staatlich organisierte und systematische Massentötung von hundertausenden unerwünschten, angeblich "unwerten" Menschen. Und diese Menschen waren geistig Behinderte, psychisch Kranke oder eben Kinder mit irgendwelchen Behinderungen, die einfach so ermordet wurde, teilweise auf sehr grausame Art.

Bei der Diskussion um aktive Sterbehilfe oder Behilfe zum Suizid in unserer heutigen Gesellschaft geht es um die Frage, ob ein erwachsener Mensch, der klar bei Verstand ist und an einer unheilbaren, tödlichen Erkrankung schwer leidet, nachdem alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind das Recht haben soll, nach Absprache mit seinem Arzt auf eigenen Wunsch z.B. ein tödlich wirkendes Medikament zu erhalten, mit dem Ziel einem qualvollen Sterbeprozess zu entgehen.

Bei allem Respekt für Menschen, die aktive Sterbehilfe oder Behilfe zum Suizid kritisch sehen, aber der Vergleich mit der Nazi-Euthanasie ist so absolut abwegig und falsch und bringt eigentlich nur eine völlig unnötige Schärfe und Aggression in diese Debatte.

Es gibt sicher auch vernünftige Argumente, die aktive Sterbehilfe oder Behilfe zum Suizid kritisch zu beurteilen. Es ist auch richtig kritische Stimmen zu äussern und offen zu debattieren. Nur fair bleiben sollte man.
Taras Sirko - 31. Aug, 23:59

@Fidelis

Es ist absolut nicht abwegig. Hinter jedem erlassenen Gesetz steht heute eine Lobby. Es sind eben besonders auch gewerbliche "Sterbehilfe"-Organisationen, die Druck auf den Gesetzgeber ausüben, damit ihr "Gewerbe" zugelassen wird, um mit der Tötung von Menschen Geld zu verdienen. Diesen Leuten geht es nicht um würdevolles Sterben, sondern um das Bedienen einer künstlich herbeigeführten "Nachfrage". Und das ist perfide.
Fidelis (Gast) - 1. Sep, 00:30

@Taras

Siehst Du, das ist doch ein vernünftiges Argument, das du gebracht hast. Darüber kann man diskutieren. Ich teile dein Argument sogar auch. Man könnte sich Gedanken machen, wie man es verhindert, dass irgendwelche kommerziellen Interessen damit bedient werden.

Wie ich schon geschrieben habe, gibt es ja einige sehr gute Einwände gegen aktive Sterbehilfe, die man fair diskutieren kann. Aber der Nazi-Vergleich ist doch einfach eine unsachlich und zerstört direkt jeden vernünftigen Ansatz in der Debatte.

Es gibt heute in Deutschland niemanden (wenige Ausnahmen mögen die Regel bestätigen), der eine systematische Ermordung aller Kranken, Schwachen und Behinderten will. Auch von den Befürwortern aktiver Sterbehilfe will das niemand. Wenn ein Befürworter der Sterbehilfe mit der Selbstbestimmung des Einzelnen im Sterben argumentiert, sollte man ihm nicht unterstellen, er wolle wie die Nazis alle Behinderten umbringen. Das finde ich wirklich absolut unfair und ungehörig.

Ich selbst tue mich bei dem Thema auch sehr schwer und wäge seit Jahren immer wieder verschiedene Argumente ab.
Taras Sirko - 1. Sep, 00:44

@Fidelis

Zum einen habe ich keinen direkten Nazivergleich gezogen, sondern mich gefragt, welche Form der Euthanasie perfider ist: die Ermordung per Gesetz oder die Begünstigung des Suizids per Gesetz. Da besteht ein Unterschied.

Zum anderen fallen mir Dutzende Gründe ein, aus denen ein Mensch nicht mehr leben will. Da nehme ich mich selbst nicht mal aus. Eben daher erwarte ich von einem christlich geprägten Land keine pauschal erlaubte Tötung per Gesetz ohne Einzelfallprüfung.

Aber für einen Christenmenschen sollten ohnehin ZWEI Gründe vorrangig - vielleicht sogar absolut - gelten: das 5. Gebot und das Gebot der Nächstenliebe. Letzteres sehe ich dann als gegeben, wenn ich einer/einem Sterbenden bis zum natürlichen Ende zur Seite stehe.
Fidelis (Gast) - 1. Sep, 01:42

@Taras

Ich beziehe mich jetzt mal auf den Fall, dass ein Mensch unheilbar erkrankt ist, bereits alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind und die Krankheit in relativ kurzer Zeit den Tod zur Folge haben wird.

Nehmen wir als Beispiel eine stark fortgeschrittene Krebserkrankung mit Metastasen in diversen Körperregionen. Der betroffene Mensch hat starke Tumorschmerzen jeden Tag, er ist völlig entkräftet und abgemagert, kann nicht mehr Essen und schlucken, leidet oft unter Atemnot und Erstickungsängsten, vielleicht ist er äusserlich durch den Krebs stark entstellt, vielleicht "riecht" der Tumor stark. Die noch verbleibende Lebenserwartung liegt realistisch irgendwo zwischen einigen Tagen und wenigen Wochen. Mit jedem Tag wird der Zustand schlimmer. Der betroffene Mensch hat den Wunsch, dass es jetzt einfach nur schnell zu Ende geht und ersehnt den Tod.

Dieser Mensch wünscht nun in dieser Situation von seinem Arzt eine tödliche Spritze zu bekommen, damit der Sterbeprozess so verkürzt wird, um nicht noch möglicherweise 1 - 2 Wochen so leiden zu müssen.

Sollte es für solche Fälle eine gesetzliche Grundlage geben, das legal so zu machen, z.B. auch mit richterlicher Überprüfung des Einzelfalls und so weiter?

Oder sollte das verboten sein den Sterbeprozess zu beschleunigen, dann eben mit der Konsequenz, dass der Mensch seinen Sterbeprozess wirklich bis zum bitteren Ende durchleiden muss, auch wenn er sich lang und quälen hinzieht.

Das ist für mich die Frage eigentlich um die es geht bei der aktiven Sterbehilfe.

Hier gibt es unterschiedliche Argumente, die es sich lohnt zu diskutieren.

Als Christ sehe ich das 5. Gebot zumindest nicht verletzt in so einem Fall. Das 5. Gebot bezieht sich auf Mord, als Töten aus bösartigen Motiven, Habgier, Neid, Hass, Machtstreben, Eifersucht undso weiter. Das ist hier nicht gegeben, denn das Motiv der Tötung ist in diesem Fall, den leidenden Menschen das Leid eines quälenden Sterbeprozesses zu ersparen, auf dessen ausdrücklichen Wunsch.

Nächtenliebe gebietet es dem Sterbenden beizustehen, das sehe ich auch so. Aber auch einem Sterbenden, der aktive Sterbehilfe wünscht, kann man bis zum Ende die Hand halten.
Taras Sirko - 1. Sep, 10:33

@Fidelis

Wir dürfen hier zwei Fragen nicht vermischen. Was du schilderst, ist der durchaus verständliche Einzelfall, also eine subjektive Angelegenheit, die auch nur den Einzelnen und sein Umfeld betrifft. Wovon ich rede, ist das Prinzip, also die objektive Sicht auf den umfassenden Kulturbruch sowie dessen Auswirkungen und Hintergründe.

Bevor wir uns sinnlos im Kreis drehen: Ich werde mich bemühen, im Laufe des Tages meine Gedanken ausführlich "zu Papier" zu bringen, anstatt hier zusammenhanglose Schnipsel von mir zu geben. Das führt zwangsläufig zu Irritationen.

Wie gesagt, es geht mir nicht um die Bewertung des Einzelfalls. Da sind wir nicht unbedingt weit voneinander entfernt. Ich schrieb ja bereits: "Ich kann mir Dutzende Gründe vorstellen, aus denen ein Mensch sterben möchte." Nur darf der gerechtfertigte bzw. zumindest nachvollziehbare Grund nicht zum gesetzlich definierten Prinzip werden.

Später mehr.
ElsaLaska - 31. Aug, 23:56

@fidelis

Möglicherweise kann man dir rational und argumentativ zu einem Teil in deinem Differenzierungsversuch zustimmen.

Doch woher weißt du so genau, dass es heute wirklich so komplett anders gelagert ist als damals? Welche Interessen stehen denn dahinter?

Denk mal an die Inschrift der Gedenktafel, die ich nicht ohne Not zitierte:

"weil sie krank, schwach, oder einfach anders waren."

Es ist dieses "weil", für das man nicht wirklich eine ideologische Folie braucht.
Es ist genau dieses WEIL, warum wir, egal aus welchen Gründen und egal in welchen Zeiten wir leben, DAGEGEN sein müssen.

Fidelis (Gast) - 1. Sep, 00:37

@Elsa

"Welche Interessen stehen denn dahinter?"

Meiner Meinung nach: Angst.

Angst vor Schmerzen, Angst von Leid, Angst mit der Situation nicht fertig zu werden, Angst anderen ausgeliefert zu sein, Angst etwas unterträgliches durchmachen zu müssen. Ich glaube das ist die Triebfeder von 99% der Befürworter der aktive Sterbehilfe. Sie soll sowas wie der "letzte Ausweg" sein, den man gehen kann, wenn man es nicht mehr aushält oder glaubt es nicht aushalten zu können. Allein der Gedanke diese Möglichkeit für sich jederzeit zu haben beruhigt diese Angst vor all diesen Dingen im Sterben und in der Krankheit.
Taras Sirko - 1. Sep, 00:46

Die häufigsten Begründungen

sind Einsamkeit und "nicht zur Last fallen wollen" ...
Susann (Gast) - 1. Sep, 09:00

"...welche Form der Euthanasie perfider ist: die Ermordung per Gesetz oder die Begünstigung des Suizids per Gesetz. Da besteht ein Unterschied."

Da muss ich nicht lange überlegen. Die Ermordung per Gesetz legt eine Zwangsmaßnahme für Dritte ohne persönlichen Spielraum fest. Die Erlaubnis aktiver Sterbehilfe stellt eine Wahlmöglichkeit dar. Völlig unterschiedliche paar Schuhe.

Ich halte besonders das "slippery slope"-Argument für gerechtfertigt. Aus individueller Sicht ist der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe in vielen Fällen absolut zu verstehen, und liegt auch nicht immer in Angst vor Einsamkeit/"zur Last fallen" begründet.
Taras Sirko - 1. Sep, 12:36

Gedanken zur Sterbehilfe

Es war, wenn ich mich recht erinnere, im Sommer 1992. An einem Samstagnachmittag. Ich hatte es eilig heimzukommen, wollte vorher noch schnell einen Kollegen zuhause absetzen. Plötzlich Warnblinkanlagen. Die Fahrzeuge waren verlassen, also gingen auch mein Kollege und ich nachsehen. Quer auf der Straße stand ein Kleinbus, halb darunter sah ich ein verbogenes Fahrrad. Im Straßengraben lag unter einer Thermodecke ein Mann. Ich fragte, ob Rettungskräfte informiert seien, und nachdem das bejaht wurde, setzte ich mich zu dem Mann in den Straßengraben, legte ihm die Hand auf die Schulter und redete auf ihn ein. Ob er mich wahrgenommen hat, weiß ich nicht. Er zitterte. Er starb. Das spürte ich. Also wollte ich ihm einen letzten Dienst erweisen, in der Hoffnung, er würde meine Anwesenheit bemerken. Auf dem Weg zum Krankenhaus starb er. Vielleicht war meine Stimme seine letzte Wahrnehmung. Vielleicht.

Ich denke, es war eine gute Eingebung, den Sterbenden nicht allein zu lassen. Und ich, damals Atheist, habe erkannt, dass ich niemanden zurückhalten kann, den Tunnel mit dem Licht am anderen Ende zu betreten. Gleichsam erkannte ich, dass ich schon gar nicht das Recht habe, ohne höchste Not jemanden in diese schwarze Öffnung hineinzustoßen.

Was wäre gewesen, wenn der Mann bei Bewusstsein gewesen wäre und mich angefleht hätte, ihn von seinen Schmerzen zu befreien? Hätte ich es dann tun sollen? Einfache Antwort: Ich hätte es nicht gekonnt! Dieser Mensch war für mich ein hilfloses, schutzloses Wesen, dem ich beim besten Willen nichts hätte antun können - auch nicht auf sein eindringliches Flehen hin. Nun gut, manche Menschen mögen es anders sehen.

Doch dann sollte man auch selbst aktiv werden. Wer die Tötung eines Sterbenden für einen Akt der Liebe hält, sollte diesen Liebesdienst höchstselbst erweisen und sich den Konsequenzen stellen. Allerdings will die Mehrheit der Befürworter der sogenannten aktiven Sterbehilfe die Verantwortung auf Dritte abwälzen. Die Ärzte sollen es tun. Und wenn die nicht wollen? Wer wird dann in die Pflicht genommen? Eine gewerbliche Organisation? Oder wird die Ausbildung zum Facharzt für Sterbehilfe eingeführt, um die sich dann nur Leute bemühen, die einen solchen ›Liebesdienst‹ gerne verrichten? Stell dir doch einfach mal vor, @Fidelis, du bist nicht der ›Händchenhalter‹, sondern der ›Schierlingsbecherreicher‹. Wärest du dazu in der Lage? Und willst du das wirklich?

Wie gesagt, es geht mir nicht um den individuellen Fall. Dieser muss individuell bleiben und als Einzelfall durch ein Gericht geprüft werden. Es geht mir hier vielmehr um das Prinzip: um die Kultur einer christlich und humanistisch geprägten Gesellschaft hinsichtlich des Umgangs mit ihren Kranken, Schwachen, Sterbenden. Und es geht um den Versuch von Lobbyisten, unsere ohnehin schon stark ramponierte Kultur noch weiter zugunsten einer falsch verstandenen Autonomie den Menschen der ökonomischen Nützlichkeit anzupassen. Mit einem Gesetz.

Sorry, aber die aktive Sterbehilfe in einen Gesetztext packen zu wollen, ist schlicht unmöglich. Das Bundesverfassungsgericht hat schon im Vorfeld Bedenken gegen sämtliche Rohentwürfe angemeldet. Keiner davon entspricht den Anforderungen des Grundgesetzes. Was also soll in diesem Gesetz stehen, was nicht längst geregelt ist? Bereits heute werden Fälle der aktiven Sterbehilfe im Einzelfall bewertet und selten mehr als symbolisch sanktioniert. Auch bei den Richtern geht das Verständnis sehr weit, ist der Ermessensspielraum sehr groß.

A propos Gesetz: Betrachten wir nur mal das Gesetz zur Beschneidung von jüdischen und muslimischen Knaben. Hier gilt neuerdings: Körperverletzung ist zwar verboten, aber wenn sie sachgerecht durchgeführt wird, schreitet die Justiz nur ein, wenn etwas schief geht. Da wäre es unter Rücksichtnahme auf die Freiheit der Religionsausübung wahrlich besser gewesen, es bei der alten ›Nichtregelung‹ und ggf. der Einzelfallprüfung bei Folgeschäden zu belassen. So allerdings hat man ein abstruses Rechtsparadoxon geschaffen. Ähnlich soll es sich mit der sogenannten aktiven Sterbehilfe verhalten: Eine ›gutgemeinte‹ Tötung wird erlaubt, sofern der Betroffene darum ersucht.

Auch der ›Kannibale von Rotenburg‹ könnte sich damit auf ein solches Töten auf Verlangen berufen. Denn meines Wissens wollte sein Opfer getötet und gegessen werden. Gut, das mag ein krasses Beispiel sein, aber die Abgründe der menschlichen Seele haben bereits genügend krasses Verhalten hervorgebracht. Das muss man leider zur Kenntnis nehmen.

Zur Euthanasie im Nazistaat: Vergessen wir nicht, dass es in Klingenmünster, Hadamar oder Bernburg die selben Ärzte und Pfleger waren, die zuerst ihre Schutzbefohlenen umsorgt und dann bereitwillig getötet haben. Ganz ›normale‹ Menschen wie du und ich wurden zu Vollstreckern einer Wahnvorstellung. Kann das heute nicht mehr geschehen? Hat sich der Mensch derart gewandelt? Ich fürchte nicht.

Aber beim Vergleich mit der Nazi-Euthanasie ging es mir im Wesentlichen nicht um die Vergleichbarkeit mit der aktiven Sterbehilfe, sondern um das begünstigende Stillhalten der Bevölkerung. Manche Leute waren sogar froh darüber, ihre Kranken, Schwachen und ›Anderen‹ endgültig loszuwerden. Hinter diesen Verbrechen offenbarte sich die wahnhafte Ideologie vom ›gesunden und sauberen Herrenmenschenvolk‹ in all ihrer Hässlichkeit. Heute leben wir hingegen in einer Gesellschaft, die Schönheit, Gesundheit und Vitalität zu Idealen verklärt. Und nun sagt plötzlich der Gesetzgeber: »Wenn du dich nicht mehr schön, gesund und vital fühlst, räumen wir dir die Möglichkeit der Sterbehilfe ein.«

Damit wir uns richtig verstehen: Es geht nicht allein um Menschen, die ihre Schmerzen nicht mehr ertragen können. Für diese Fälle hege ich tiefstes und ehrlichstes Verständnis. Es geht aber auch um Menschen, die sich ›unwert‹ und ›überflüssig‹ fühlen. Wie will man da Missbrauch ausschließen? Wie kann man verhindern, dass diese Menschen in ihrer Haltung bestärkt werden, anstatt das Gefühl vermittelt zu bekommen, wertvoll zu sein und gebraucht zu werden? Beides unmöglich. So weit reicht der Arm des Gesetzes nicht.

Kann man die Menschen beeinflussen, sterben zu wollen? Ja. Man bekommt jeden Tag suggeriert, wie wichtig es ist, ›gebraucht‹ zu werden, womit meist der ökonomische Nutzen gemeint wird. Und es ist die ›Königsklasse‹ der Beeinflussung, einem Menschen zu vermitteln, dass es besser wäre, freiwillig aus dem Leben zu scheiden und mit seinem Leiden den Schönen, Gesunden und Vitalen nicht mehr zur Last zu fallen. Letzteres mag nicht der einzige Beweggrund für den Sterbewillen sein, aber einer der meistgenannten. Hier hat der Kahlschlag der Kultur reibungslos funktioniert.

Besonders wir Christenmenschen sollten angesichts solcher Entwicklungen hellhörig sein. Unsere Glaubensgeschwister im frühen Japan wurden von Samuraikriegern gejagt, gefoltert und gekreuzigt - unter anderem auch deshalb, weil die christliche Lehre den Suizid verbietet, der für einen Samurai zu seiner Kultur gehörte. Zuerst als ein freiwilliger Akt der Ehrenhaftigkeit, später in der Form des ›freiwilligen Zwangs‹. Seppuku bzw. Harakiri beging man, sobald man seinem Daimyo oder Hatamoto nicht mehr vollumfänglich dienlich sein konnte (also spätestens mit Anfang 40).

Es ist so leicht, einem Menschen den ›Sterbewillen‹ einzureden. Bitte sagt doch mal den alten Menschen im Seniorenheim, sie können nur noch einmal im Monat besucht werden. Oder gar nicht mehr. Was werden viele dann antworten? Dass sie nicht mehr können, dass sie nicht mehr wollen, dass es endlich ein Ende haben soll. Und dass man nicht länger zur Last fallen will.

Weil man krank, schwach oder einfach nur anders ist.

------------------

PS: Nichtchristen kann es ziemlich egal sein, dass das Christentum den Suizid als schwere Sünde wider das Leben und die Natur bezeichnet. Aber mal ehrlich: Wenn uns Christgläubigen der Suizid verboten ist, kann uns dann die Beihilfe dazu erlaubt sein? Und sollten wir uns nicht lieber für eine bessere Sterbebegleitung anstatt für die Sterbehilfe engagieren? Aber das sind nur meine persönlichen Gedanken, die muss niemand teilen.

Fidelis (Gast) - 1. Sep, 16:45

@Taras

Du bist doch Soldat, oder? Nehmen wir an du bist in einem Fronteinsatz, mitten im Gefecht. Plötzlich wird der Kamerad neben dir von einem Bauchschuss getroffen. Er geht zu Boden, blutet sehr stark aus dem Bauch, schreit vor Schmerzen. Dir ist klar, dass dein Kamerad so schwer verletzt ist, dass er hier vor Ort sterben wird. Er fleht dich schmerzverzerrt an, ihm den Gnadenschuss zu geben.

Wie würdest du handeln? Wäre es Sünde ihm den Gnadenschuss zu geben oder wäre es Nächstenliebe? Könnte das Töten in so einem Fall nicht doch eine moralisch richtige Handlung sein, vielleicht sogar eine moralisch gebotene Handlung? Oder wäre es moralische Pflicht dem Kameraden die Hand zu halten und ihn elendig krepieren zu lassen?

Ich finde es einfach schwierig so Pauschalurteile zu fällen. Es kann eben sehr unterschiedliche Fälle geben.

Du fragtest mich, ob ich aktive Sterbehilfe leisten könnte. Und da kann ich nur antworten, dass es immer auf den Einzelfall ankommt.

Ich kann mir vorstellen, dass es Fälle geben kann, in denen ich dazu bereit wäre und in denen ich es auch als Liebesakt sehen kann.

Jedenfalls, wenn wir uns als Gesellschaft darauf verständigen in bestimmten Einzelfällen sowas legal machen zu dürfen, muss es dafür doch auch eine gesetzliche Grundlage geben, die den Menschen Rechtssicherheit verschafft.
Taras Sirko - 1. Sep, 18:31

@Fidelis

Ich war Soldat. Und als solcher gebe ich niemandem einen "Gnadenschuss". In der von dir beschriebenen Situation stehen mir vier Spritzen mit extrem starken Schmerzmitteln zur Verfügung - zwei in seinem, zwei in meinem Medizin-Set. Dann stirbt er ohne Schmerzen - und ohne mein aktives Zutun. Meine moralische Pflicht ist es, ihm nötigenfalls auch meine Spritzen zu verabreichen, falls seine nicht ausreichend sind (was in der Regel nicht notwendig ist).

Die Sache mit dem Gesetz sehen wir eben umgekehrt. Du möchtest ein Gesetz, das die aktive Sterbehilfe zwar nicht pauschal, aber weitgehend erlaubt. Ich möchte eine Regelung, in der im Einzelfall im Nachgang nachgewiesen werden muss, dass das Handeln unumgänglich war. Noch lieber hätte ich, wie bereits geschrieben, gar keine Sterbehilfe, sondern Sterbebegleitung ohne Giftcocktail.
cassian (Gast) - 2. Sep, 21:36

Gedanken zur Sterbehilfe II

"ich beziehe mich jetzt mal auf den Fall, dass ein Mensch unheilbar erkrankt ist,..."
Entschuldigen Sie @Fidelis, aber das Leben ist nun mal eine Krankheit die zum Tode führt.
und wenn Sie es infinitesimal betrachten, ist JEDER natürlich Sterbende um so "unheilbarer",
je näher er am irdischen Tod ist.
die letzte Stunde, die letzte Minute, die letzte Sekunde.
ich habe @Elsa`s Sterben Ihrer Mutter mitgelesen, und wenn ich noch jemand verstehen könnte
der zB nicht ersticken will, dann wäre es so ein Ende.
aber wir Christen glauben (mal mehr mal weniger, je nach Tagesform) daran, daß wir nur in
SEINE Hände fallen können und werden.
wenn Sie das Schmerzthema ansprechen, tun Sie so, als hätte den Menschen die letzten
500.000 Jahre etwas gefehlt beim Sterben.
und daß wir erst heute so "human" sind und jemanden "erlösen". es gibt nur einen Erlöser, Entschuldigung.
die Hybris unserer Spezies ist dermaßen überhöht, daß wir gerade in den letzten Jahrzehnten
glauben, Dinge besser zu machen als in den letzten 500.000 Jahren.
die moderne Welt hat es geschafft, das Sterben aus dm Bewußtsein zu tilgen und auf ein paar
wenige Japser in der Intensivstation zu reduzieren.
ich glaube ernsthaft, daß in den meisten Fällen der aktiven Sterbehilfe den Hinterbleibenden
leichter ist als dem der -eine zeitlang zuvor- "in klarem Bewußtsein" das Gift wollte.
zum Einen weiß man, daß sich in unserer humanen Gesellschaft immer mehr Alte als Last erleben,
und zum Anderen, wenn es an die letzte Stunde, Minute, Sekunde geht, wenn der Sterbende
schon mehr "drüben" als "hier" ist, wenn er nicht mehr reden kann: was ist wenn er DANN
selbst sterben will? dann stirbt er in einem Albtraum.
als mein Vater vielleicht noch 1 Woche lebte, es war Bauchspeicheldrüsen-Krebs, da fragte ich Ihn
ob er Schmerzen habe. Er sagte: "Als ob ich bis zum Gürtel in siedendes Öl getaucht wäre."
wir baten dann den Pfleger, das Morphium zu erhöhen. das ist passiv, das ist was ziemlich
Anderes. es besagt, daß ein sicherer Tod früher in Kauf genommen wird, aber mit weniger Schmerzen.
3 Tage vor seinem Tod sagte mein Vater -nach längerem Delirium- "Es gibt IHN also doch!"
das hätte er mit der Spritze nicht mehr sagen können.
und ich könnte es nicht als Zeugnis weitergeben.
ja, soweit.
Fidelis (Gast) - 3. Sep, 01:07

Ich habe mir das auch schon überlegt, ob das nicht eine gute Alternative zur aktiven Sterbehilfe wäre, wenn ein Mensch sich am Ende einer schweren Krankheit freiwillig in ein künstliches Koma versetzen lässt.

Den Zeitpunkt könnte der Patient dann selbst wählen. Er kann vorher noch in Ruhe seine letzten Angelegenheiten regeln, kann sich von seinen Lieben verabschieden, noch einmal mit ihnen zusammensitzen, etwas essen usw. (falls noch möglich).

Und dann lässt er sich eine Spritze mit Schlafmittel geben und schläft friedlich ein, ist aber nicht tot, sondern nur bewusstslos. Zur Sicherheit gibt es noch hohe Dosen Morphium, um ganz sicher zu gehen, dass er keine Schmerzen hat. Künstliche Ernährung, Infusionen mit Flüssigkeit, lebensverlängernde Medikamente usw. kann der Patient per Patientenverfügung vorher schon ablehnen.

Damit bekommt dieser Mensch die letzten Tage seines Sterbeprozesses nicht mehr bewusst mit. Der Sterbeprozess wird durch das viele Morphium vielleicht beschleunigt, aber der Mensch wird nicht aktiv getötet. Irgendwann versagt dann sein Organismus und stirbt.

Das wäre doch eigentlich eine Alternative, ein Kompromiss. Oder?
ElsaLaska - 3. Sep, 01:14

@fidelis

Warum sollte man bewusstlos sterben wollen?
Also das klingt jetzt komisch, aber mal ehrlich: Ist das ein erstrebenswerter Zustand? Nur, weil es vor der Wahrnehmung von Schwäche und Schmerzen bewahrt?
Meine Mutter hat auch nicht mehr so wahnsinnig viel mitbekommen, klar hatte sie Angst, aber diese Angst wurde gemildert dadurch, dass sie wusste, ICH BIN DA (da ist übrigens die Zusage unseres Gottes....) und ich werde alles tun, was möglich ist, um ihr beizustehen - ohne sie umzubringen, denn ich würde meine Mutter niemals umbringen oder besser, hätte sie niemals umgebracht.
Wenn man bewusstlos ist, kann man nicht mehr die letzten Sakramente empfangen, man kann nicht mehr beten. Was ist daran erstrebenswert?
Klar, es ist schön, schlafen zu dürfen, wenn man nicht schlafen kann, aber dafür hat die Palliativmedizin mittlerweile Hilfe parat. Ansonsten wäre ich schon dafür, dass man im vollen Bewusstsein Abschied nehmen darf, das ist doch auch für die Angehörigen schöner und trostreicher, wenn sie noch ein paar letzte Worte wechseln dürfen. (Siehe Cassian). Und für einen selbst doch ganz bestimmt auch.

Ich habe einen Lektüretipp für dich und andere Mitlesende: "Sterben im Vertrauen auf Gott" von Peter Dyckhoff.

(Krass gesagt: Hat Jesus das Angebot angenommen, im Betäubungskoma sterben zu dürfen? Nein, oder?)
ElsaLaska - 2. Sep, 23:16

@all

Danke für eure Beiträge.

Vor allem auch Taras und cassian, Taras wegen seiner guten Argumente, cassian für sein bewegendes Zeugnis.
Möge dein Vater in Frieden ruhen.

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cantare

Ich bin einfach hingerissen,
da ist so viel in diesem Monolog, von dem man oberflächlich...
ElsaLaska - 20. Aug, 19:55
Houellebecq ist ein sehr...
Wobei man jetzt keine Kristallkugel brauchte. Mir imponiert,...
Elsa (Gast) - 12. Aug, 17:50
Hui, das war aber ein...
Hui, das war aber ein wilder Ritt durchs Stadtbild...
NeonWilderness - 11. Aug, 23:45
Privet, fbtde!
Schön, von dir zu hören. Offenbar lebst du also auch...
ElsaLaska - 2. Aug, 10:27
Oha
Du lebst auch noch. Gut zu wissen!
fbtde - 2. Aug, 08:31

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