Elsas Nacht(b)revier

Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute
sehr wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen. [Douglas Adams]

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Was ich jetzt schreibe ist peinlich.

Ich sitze, wenn ich nicht in die Kirche gehe in der Mittagspause, auf Rattanstühlen in einem italienischen Eiscafe vor einem ziemlich hässlichen Springbrunnen. Es ist eine sehr ruhige Ecke, deshalb gehe ich da hin, auch wenn die Preise zum Beispiel für Cappuccino - derbe sind.
Normalerweise ranzen nur Tauben in dieser trostlosen Innenstadtgegend herum. Obwohl es recht teuer ist, die Muslime sitzen hier und trinken Pfefferminztee, die aufgedunsenen Blondinen Richtung Fünfzig trinken Bitter Lemon und rauchen, der Brunnen plätschert. Sonst passiert nicht viel. Sie haben noch Olivenbäume in Töpfen ringsum aufgestellt, und mickrige Palmen, das ist wie ein Ahoj Brause-Bildchen anschauen, aber die Brause nicht auf der Zunge prickeln spüren.
Ich bin gegen 12 ziemlich geschafft, übermüdet und sehr genervt von den Menschen, die ich zu betreuen habe. Am Springbrunnen in der Innenstadt tut sich was, ein - sehr mageres - Entenpaar landet dort, macht lange Hälse und das Weibchen beschließt, den Vorstoß zu wagen - sie springt paddelnd auf die Umrandung und dann ins Wasser. Der Herr, ein wunderschöner Enterich, quakt besorgt, schaut ins Publikum und tut es ihr dann nach.
Ich hatte solch einen Spaß mit diesem aufgeweckten Entenpärchen. Wirklich niemand, niemand hat sich an ihnen erfreut außer mir. Ich fand das so schade. Ich fand die beiden so perfekt, ihr Gefieder, ihr Gehabe, ihr Dasein jetzt in dieser Minute, diese ganze Schönheit, die sich so selbst genügt - oder, ich gehe in meinem Lobgesang sogar noch weiter - für uns gemacht worden ist, damit wir uns daran erfreuen. Aber niemand kümmerte sich um die beiden. Niemand nahm sie wahr, freute sich daran, dass sie unsere Mitgeschöpfe sind, dass sie pure Schönheit sind, geschaffen in unendlicher Perfektion. Und daraufhin trat mir das Wasser in die Augen und es war mir einfach nur peinlich.
Ja, es ist mir immer noch peinlich. Aber ich stehe dazu. Ein schlichtes, mageres Entenpärchen, geschaffen für uns, um uns daran zu erfreuen und sie zu lieben in ihrer wunderschönen Existenz, der Moment, in dem sie uns begegnen. Ich habe befremdet festgestellt, dass mir wirklich die Tränen runterliefen. Wegen eines einzelnen Entenpaares. Ich bin wohl bescheuert und außerdem ist dieser Eintrag wohl mehr als peinlich.
Aber es war so.
sandhexe - 17. Mai, 01:03

ich finde es gar nicht peinlich so zu denken und zu schreiben. In solchen Momenten habe ich oft schon Gedichte geschrieben. Wir dürfen ruhig demn Mut haben und bekennende Schöpfungsbewunder/innen sein !

fbtde - 17. Mai, 07:55

Ach Elsa, was soll ich sagen: Bitter Lemon trinke ich auch, aber das macht nix. Du hast wiedermal auf 20 Zeilen alles gesagt - was soll daran peinlich sein?

Moritz Papa - 17. Mai, 08:54

Ich finde es keineswegs peinlich, dass du dir die Fähigkeit bewahrt hast so etwas noch wahrzunehmen. Man mag deine Reaktion vielleicht als etwas heftig empfinden, aber die überwiegende Mehrheit hätte doch die Tauben ENTEN völlig übersehen, obwohl sie in der beschriebenen Szenerie eine kleine und schöne Besonderheit sind.

Übrigens danke für den Vergleich mit der Ahoj-Brause. Da werde ich gleich an die hiesige Lavazza-Caffèbar erinnert. Da ist alles vorhanden, das man in einer Caffèbar so braucht, eine wunderbare La Cimbali, eine Mühle für die Kaffeebohnen. Der Cappuccino sieht auch fast so aus wie es sich gehört, wenn man mal von der lächerlich hohen Schaumhaube absieht, die nur in Deutschland so wichtig ist. Leider schmeckt das Getränk aber eben so, als würde man das Brause-Bildchen nur anschauen. So und jetzt ist mir mein Gefasel über Cappuccino auch ein bisschen peinlich. ;-)

stoppl - 17. Mai, 09:13

Moritz !

Tauben ???
Moritz Papa - 17. Mai, 14:03

Oh weh, war wohl noch zu früh am Samstag um einen Kommentar zu schreiben.
stoppl - 17. Mai, 09:13

peinlich .....???

ich finde deinen eintrag beruehrend und kein bisschen beschaemend. es ist einfach schoen, dass es noch menschen wie dich gibt.
jemand wie ich, der ohnedies nahe am wasser gebaut hat, dem geht es auch manchesmal so , dass mir in gewissen situationen die traenen kommen , wo fuer einen "normalen" menschen kein grund vorhanden waere. ich kann mich sehr wohl an der natur erfreuen , gerade jetzt im vorsommer, wo alles im entstehen ist und auch z.b. enten mit ihrem nachwuchs die fluesse und teiche bevoelkern.
behalte deine sichtweise und viel glueck fuer dich.

scipio (anonym) - 17. Mai, 09:59

Da

ist nichts peinlich, Elsa.
Im Gegenteil, es ist schade, daß es so wenige normale Menschen gibt.
zuckerwattewolkenmond - 17. Mai, 10:04

Nicht wahr?

So geht es mir ständig, wenn ich Vögel beobachte und von Menschen umringt bin. Man hat das Gefühl, keiner nimmt irgendetwas wahr, man ist total von Blindheit umgeben. Und wenn man einen Vorstoß wagt und vielleicht mal ganz leise auf eine sich zu Füßen oder über den Köpfen gerade abspielende Tiergeschichte aufmerksam macht, schauen die meisten zwar höflichkeitshalber zwei Sekunden hin und drehen sich gelangweilt wieder weg. Ist zumindest meine Erfahrung. Oft erntet man auch verständnislose Blicke. Andererseits erkennt man irgendwann sofort, wenn man einen "Sehenden" vor sich hat, man erkennt sich sozusagen aus dem Bauch heraus. Tränen liefen mir deshalb aber noch nicht, weil ich mir denke, daß es für die Tiere sicherer ist, wenn sie nicht jeder Idiot auf sie aufmerksam wird. Es gibt ja auch genug Leute, die ihren Frust gerne an Tieren ablassen und so ist die Achtlosigkeit der Masse eine Art von Tarnkappe für die unter Menschen lebenden Geschöpfe.

ElsaLaska - 17. Mai, 11:23

Das ist bestimmt der Eintrag

mit den bisher liebenswürdigsten Kommentaren in diesem Blog. Ich danke euch allen ganz herzlich, das ist ein prima Einstieg ins Wochenende.
Dir zucker, auch wieder vielen Dank. Ich denke auch, dass du recht hast, die Geschöpfe brauchen eine Tarnkappe. Es ist gut, dass die Menschen so achtlos sind. So hatte ich es noch gar nicht gesehen ... !

creature - 17. Mai, 12:09

elsa, ich kann das sehr gut nachvollziehen.
es macht mich auch oft traurig zu sehen wie menschen diese welt langsam aber sicher zerstören, alles natürliche, geschaffene, wegräumen um dingen platz zu machen die sich "rentieren", du weißt was ich meine!
oft denke ich mir, vielleicht wird mancher mensch in den letzten stunden seines lebens einen kleinen schimmer davon bekommen was er hier verpasst hat, leider ist es dann zu spät.

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