Eat Love Pray
[Eintrag von vor über zehn Jahren. So ein Blog ist keine schlechte Sache. Ich hatte diese Begegnung auch schon vergessen und beim Wiederlesen mich gefragt: Und das ist wirklich passiert? Aber ich lüge nicht und erfinde solche Sachen gewiss nicht.]
Ich fahre Mamma mit dem Rollstuhl an einem ihrer ehemaligen Gartengrundstücke vorbei. Ein hagerer, fast siebzigjähriger Russe mit akzentuierten Gesichtszügen gibt uns ernst die Hand.
"Nu, was ist mit dir passiert, Mütterchen? Was ist los? Kannst du nicht mehr laufen und sprechen? Ich sehe dich und denke, was wird mit mir in zwei Jahren sein - so schnell ging es bei dir, nicht wahr, Mütterchen? Hier, lang an mein Kreuz hin, alles hart. Und ich sage zu meiner Frau: Und wenn es mir so geht wie Dir? Vor zwei Jahren fuhrst du noch lustig Fahrrad. Jeden Tag danke ich dem Herrgott, dass er mich schon schaffen lässt, aber du, was ist das hier? Nun, Mütterchen, danke deinem Herrgott, dass du dieses Kind hast, wo um dich sorgt, wie viele alte Leute werden heutzutage weggeworfen! Dem Herrgott danke!
Ich wünsche dir das Beste, Mütterchen, hab einen schönen Tag!"
ElsaLaska - 20. Aug, 19:10
Sie ist eine meiner Lieblingsschauspielerinnen, nicht zuletzt auch wegen "Speed" mit Keanu Reeves und ihrem komödiantischen Talent in diversen anderen Rollen.
Ihr Mann verstarb im Jahre 2023 und hatte ihr das Versprechen abgenommen, nicht öffentlich über ihn und seine Krankheit zu sprechen. Daran hat sie sich gehalten und kein Mensch kann ermessen, was das für ein Gewaltakt sein kann. Meinen tiefsten Respekt dafür.
Da ich ziemlich genau Bescheid darüber weiß, was es bedeutet, mit einem an ALS erkrankten Menschen zusammenzuleben, ihn zu pflegen und oftmals in der völligen Verzweiflung zu sein darüber, finde ich es wichtig und richtig, dass sie nun ihr Schweigen gebrochen hat. Ich hatte das "Glück", im Verlauf der Krankheit meiner Mutter immerhin darüber schreiben zu können (in der Rubrik EatLovePray findet sich da einiges.)
Sandra Bullock mochte ich eigentlich schon immer. Und jetzt mag ich sie sogar noch mehr.
ElsaLaska - 20. Aug, 17:38
Sie ist unsere Nachbarin, seit ich denken kann. Ihr wunderhübscher Mann ist leider schon vor über 30 Jahren verstorben. Sie ist eine tapfere Witwe, wollte nie eine neue Beziehung beginnen. An Pfingstmontag stürzte sie, mittlerweile gehbehindert, die Kellertreppe runter. Richtig übel, Trümmerbruch im Gesicht. Ich bringe ihr und brachte ihr schon vorher gerne was zu essen rüber. Durch Kreuzworträtsel und Rummicub mit ihren Freundinnen hielt sie sich geistig fit. Sie ist oder war die beste Freundin meiner Mama. Und jetzt also 85 Jahre alt.
Seit dem Sturz ist es halt anders. Gestern habe ich ihr eine Obstschale gebracht, heute eine Portion Gulaschsuppe. Sie ist für mich ein Stück Mama, ich glaube, ich bin es eigentlich auch für sie.
Ich kann gar nicht kurz was vorbeibringen. Sie setzt sich mir gegenüber hin und wir erzählen. Eine Stunde und mehr. Von alten Zeiten natürlich. Und manchmal, da ist da dieses Leuchten in ihren alten Augen. Wenn sie sich erinnert.
Das ist so wunderschön zu sehen.
ElsaLaska - 8. Jul, 20:12
diesen Eintrag schreiben zu können. Acht Tage später war es dann vorbei.]
Meine Mutter stirbt an Amyotropher Lateralsklerose, kurz "ALS". Manch einer entsinnt sich noch an die "Ice Bucket Challenge", um international für Spenden zur Erforschung dieser Krankheit, die auch ganz junge Menschen treffen kann, zu werben.
Ich habe keinen einzigen Arzt erlebt, der sich den Satz " Sie tun mir Leid. Da kommt was auf Sie zu" erspart hätte nach dieser Diagnose. So viel zu sentimentalen Ärzten.
Ich arbeite jeden Tag daran, meine Mutter zum Lächeln zu bringen - und sie lächelt immer noch so oft und gerne, obwohl die Krankheit ihr mittlerweile die Sprechfähigkeit genommen hat. Sie wird mit ihrem Lächeln und Lachen immer mehr zu einem Kind Gottes.
Ich darf das erleben.
Ich koche ihr jeden Tag ihr Lieblingsessen, das natürlich püriert werden muss, oder einen Pudding, egal, irgendetwas, was sie noch schlucken kann, auch wenn die Krankheit, also die Lähmungserscheinungen, längst den Schluckapparat erreicht haben, Essen immer mehr zur Qual wird und Ersticken die nächste Option ist, die an die Tür klopft.
Ihre Schultern werden immer schmaler, ihr weißer Kopf senkt sich immer öfter wie in Resignation - sie ist schwach, unterernährt, weil sie keine künstliche Ernährung möchte, das hat sie mehrfach schriftlich verfügt. An manchen Tagen kann ich kaum aus dem Bett aufstehen, um mich der Situation zu stellen. Doch wenn ich schließlich Mut fasse, dann lacht sie mich an. Ich sage: "Und wie geht es meinem Maikäferchen?" Und dann ist da dieses Lachen.
Ihre Augen irrlichtern umher, das ist zum Teil der Demenz geschuldet, in diesem Falle eine gnädige Demenz. Natürlich ist sie erschöpft, alles strengt sie unermesslich an, und selbst wenn sie "künstliche Ernährung" verfügt hätte - sie würde die Vollnarkose zum Setzen der Sonde nicht überleben. Also koche ich zarte, musige Sachen, Gemüse, zerquetschte Kartoffeln mit Butter übergossen, Milchreis, Spinat, Polenta und Grießbrei. Gebe ihr Astronautennahrung, zusätzlich.
Ich tue, was ich kann.
Und meine Mutter wird durch meine Hand nur Güte, Liebe und Hilfe erfahren. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich vor ihr auf die Knie ging, um ihre Schuhe und Socken auszuziehen. Sie presst sich ein Taschentuch vor den Mund, denn sie hat keine Kontrolle mehr über ihr Speicheln.
Natürlich leidet sie, und manchmal hat sie Weinkrämpfe. Doch sofort kann man sie wieder aufmuntern und selbst wenn es ihr noch so schlecht geht, das Alpenveilchen an ihrem Fenster, das mir sowas von egal ist, hat sie immer noch im Blick. Es darf nicht verdursten. Mit herrischen Bewegungen weist sie mich an, es zu tränken. Nichts darf verloren gehen, nichts soll Not leiden, auch wenn sie selbst so große Not leiden muss.
Meine Kindheit war voller Tiere - irgendwie musste es sich rumgesprochen haben, dass, wenn man krank ist, man nur zu meiner Mamma in den Hof fliehen muss - sie wird einen schon umsorgen. Den meisten hat sie helfen können, viele von ihnen pflegte sie wieder gesund.
Und heute: Die Schwalben könnten jetzt um diese Zeit, Ende März, kommen! Die Werkstattüre muss für sie aufbleiben! Sonst finden sie vielleicht kein Obdach!
Das ist meine Mutter.
Jeden Abend, wenn sie zu Bett liegt, zeichne ich ihr mit Weihwasser ein Kreuz auf die Stirn. Eigentlich ist sie protestantisch, aber sie liebt Weihwasser. Ich sage: "Gott segne dich" oder "Gott behüte dich!"
Jedesmal gluckst sie glücklich wegen des Rituals.
Natürlich habe ich Tage, wo ich es nicht mehr aushalte. Wo ich an meine psychischen und physischen Grenzen komme. Ausgerechnet an denen ist dann Jesus irgendwie so fern. Aber sie gehen vorüber.
Ich bitte ihn, ihr das Schlimmste, den Erstickungstod, zu ersparen. Jeden Tag: "Mein Jesus-Barmherzigkeit!"
Doch meine Hand soll verdorren, verfaulen und abfallen, wenn ich es jemals wagen sollte, dieser Frau, die mir das LEBEN geschenkt hat, irgendetwas zu Leide zu tun, anstatt ihr Glückseligkeit, Hilfe und Fürsorge zu gewähren.
Ich war noch ganz klein und sie war kaum Vierzig, da fragte ich sie bange: Mamma, ich habe Angst! Muss ich denn auch einmal sterben? Und sie hat, obwohl sie gerade ausgehen wollte, sich eine halbe Stunde Zeit genommen, um mir zu erklären, so leicht stirbt man nicht. Du musst nicht sterben. HAB KEINE ANGST, und außerdem bin ich doch bei dir.
Ich habe diese Situation nie vergessen. Und ebenso, wie meine junge Mamma damals mir die Angst nahm vor dem Sterben, so werde ich alles was in meiner Macht steht und was ich tun kann, tun, um ihr die Angst auf diesem letzten Wegstück zu nehmen und ihr die Gewissheit zu geben: Mamma, du gehst. Aber wenn du gehen musst, so gehst du an meiner Hand. Hab keine Angst. Ich bin doch bei dir.
ElsaLaska - 28. Mär, 20:08
Die Hände einer Mutter - kann man sie oft genug küssen?
Als Mamma die eine Nacht noch zu Hause bei mir bleiben durfte, in der sie gestorben war, habe ich immer wieder ihre gefalteten, feinen, sehnigen, doch jetzt leblosen Hände geküsst.
Jeden Tag denke ich daran, wie rührig sie war, wie sie Blumen, Rosen, Stauden, Obstbäume, Kaninchen, Hühner, Enten, Truthühner, obdachlose Igel und verletzte Tauben, aus dem Nest gefallene Schwalbenjunge versorgt und geliebt hat. Ich stehe vor Gegenständen, die sie noch an Ort und Stelle gelegt hatte. Immer schaue ich in ihr Zimmer - als säße sie noch darin. Das Zimmer, in dem sie starb. Sie ist die dritte meiner Ahninnen, die dort den letzten Atemzug tat.
Ratlos stehe ich vor dem Gewirr von Übertöpfen für Blumen, ihrem Sammelsurium von Gläsern mit Schraubdeckel, in die sie noch so viele Quittengelees einmachen wollte. Den alten Waffeleisen. Dem antiquierten Rum-Topf. Der Dampfnudelpfanne. Alles von ihr eingepackt und gelagert im Keller. In der Tiefkühltruhe liegt noch ihr Lieblingseis aus der Zeit, als sie noch schlucken konnte.
Die Hände einer Mutter. Küsst sie, wenn ihr noch eine habt.
ElsaLaska - 11. Aug, 00:37
ElsaLaska - 23. Jul, 13:10
Manchmal eine nervige Pflicht - Motto: ich muss mich mal endlich wieder melden, manchmal auch echte Notwendigkeit, weil ich Tipps zum Kochen brauchte oder einen Ratschlag für eine kränkelnde Pflanze. Oder einfach erzählen wollte, welche Vögel, Tiere und Pflanzen jetzt schon wieder im Garten aufgetaucht sind. Was die italienische Nachbarin macht.
Selbstverständlich häufig auch einfach Sorge, Nachfrage, ein bisschen Kommunikation. Ratschen.
Ich kann einfach nicht begreifen, dass das nun nicht mehr geht. Ich will Mamma ständig anrufen, ihr noch so viel erzählen - doch sie ist ja nicht mehr da. Es ist nicht mehr möglich.
Ruft eure Mammas an, so lange es noch geht - und egal, wie ihr zu ihnen steht. Wenn ihr überkreuz seid, versöhnt euch!
Plaudert, schenkt ihnen ein bisschen Zeit.
Interessiert euch.
Um euretwillen.
Und wie man hier so sagt: E' la mamma!
ElsaLaska - 30. Apr, 22:19
Nun steht ihr Name unter dem von Papa, auf dem Grabstein.
Ich weiß noch, wie ich sie vor Monaten im Rollstuhl dorthin fuhr. Sie schwieg. Und dann nur ein Satz:
"Ich komme bald!"
Nichts mehr weiter. In all den Monaten habe ich mir vorgestellt, wie es wohl sein würde, wenn plötzlich dann auch ihr Name auf dem Grabstein auftauchen würde.
Heute wurde er angebracht. Ich stand davor und es war merkwürdigerweise so, als habe er schon immer dort gestanden.
Sofern man so etwas überhaupt sagen kann, hat sich etwas vervollständigt und ist ganz und vollständig, sogar irgendwie richtig geworden.
Das ist merkwürdig auszudrücken, befremdlich eigentlich. Aber es ist so.
Noch merkwürdiger ist, dass ich das nicht im geringsten als tröstlich empfand.
ElsaLaska - 23. Apr, 21:34
Meine Mutter ist am Ostermontag Abend gegangen. Auf die Signifikanz dieses Datums hat mich meine liebe Firmpatin hingewiesen. Es ist der Tag, an dem sich die verzweifelten Jünger nach Emmaus schleppen und ihnen der Auferstandene begegnet. Er unterrichtet sie in erstaunlicher Weise über alles, was die Propheten gelehrt haben. Und sie bitten ihn, ohne ihn wirklich erkannt zu haben: "Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden." Im Rückblick finde ich es bemerkenswert, dass die eigentliche Leide- und Sterbephase meiner Mutter wenige Tage vor Weihnachten begann und eben an Ostermontag in der Nacht - "Bleibe, denn es will Abend werden", ihr Ende fand.
Ich wollte allen lieben Menschen danken, die hier treu mitgelesen haben und uns durch gute Gedanken und durch Gebete unterstützt haben, sie sind angekommen. So manche schwere Stunde wurde dadurch leichter zu ertragen.
Ich werde in der nächsten Zeit eine heilige Messe in all euren Anliegen feiern lassen.
ElsaLaska - 18. Apr, 21:33
Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir.
Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier.
Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin,
weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.
Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir,
doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir.
Was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an;
er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann.
Einst am Kreuz verhüllte sich der Gottheit Glanz,
hier ist auch verborgen deine Menschheit ganz.
Beide sieht mein Glaube in dem Brote hier;
wie der Schächer ruf ich, Herr, um Gnad zu dir.
Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot,
bet ich dennoch gläubig: "Du mein Herr und Gott!"
Tief und tiefer werde dieser Glaube mein,
fester laß die Hoffnung, treu die Liebe sein.
Denkmal, das uns mahnet an des Herren Tod!
Du gibst uns das Leben, o lebendig Brot.
Werde gnädig Nahrung meinem Geiste du,
daß er deine Wonnen koste immerzu.
Gleich dem Pelikane starbst du, Jesu mein;
wasch in deinem Blute mich von Sünden rein.
Schon ein kleiner Tropfen sühnet alle Schuld,
bringt der ganzen Erde Gottes Heil und Huld.
Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht,
stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht:
laß die Schleier fallen einst in deinem Licht,
daß ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.
Amen
https://youtu.be/VjNhyHsgU7Y
ElsaLaska - 11. Apr, 23:45